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Dietrich Bonhoeffer: Begegnungen und Erinnern

Die Beziehungen Dietrich Bonhoeffers zu den Familien Kleist-Retzow, Wedemeyer und Bismarck entwickelten sich vor dem Hintergrund der sozialen, ökonomischen und politischen Verwerfungen der 1930er und 1940er Jahre. Gemeinsame religiöse und politische Überzeugungen zwischen Bonhoeffer und Ruth von Kleist-Retzow bildeten den Ausgangspunkt und die Basis der zunehmend engen Kontakte. Die mit der Verlobung Bonhoeffers mit Maria von Wedemeyer begonnene familiäre Verbindung konnte jedoch infolge der Inhaftierung und Ermordung Bonhoeffers durch die Nationalsozialisten am 9. April 1945 nie ausgelebt werden. Ruth-Alice von Bismarck setzte sich später erneut intensiv mit Bonhoeffer auseinander, als der Briefwechsel zwischen Maria und ihm aus der Zeit seiner Tegeler Haft publiziert werden sollte. Über ihre Großmutter Ruth von Kleist-Retzow lernten Ruth-Alice von Bismarck und ihre vier Jahre jüngere Schwester Maria Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) kennen. Die Großmutter nahm Dietrich Bonhoeffer auf ihrem Gut Klein Krössin mehrmals auf, als er an seinen Schriften, vor allem der unvollendeten und postum erschienen Ethik, arbeitete. Sie besuchte mit ihren Enkelkindern die Gottesdienste des Predigerseminars in Finkenwalde, das Bonhoeffer für die Bekennende Kirche bis zur Schließung 1937 leitete. Das Interesse an theologischen Fragen führte Ruth von Kleist-Retzows mit Dietrich Bonhoeffer zusammen. Ruth von Kleist Retzow (1867-1945) hatte nach dem frühen Tod ihres Mannes 1897 die Leitung der Güter Kiekow und Klein Krössin zwar einem Verwalter übergeben, die Oberaufsicht jedoch immer behalten. Sie selbst übersiedelte zwei Jahre später nach Stettin. Während des Ersten Weltkriegs und in der Jahren der Weimarer Republik zog sie sich wieder nach Kiekow bzw. in das benachbarte Klein Krössin zurück. Erst ab 1935 bezog sie wieder eine Wohnung in Stettin (Pölitzer Straße 103), in der sie eine „Enkelpension“ einrichtete für ihre Enkel, damit diese in Stettin die Schule besuchen konnten. Predigerseminar Finkenwalde Pommersche Gutsbesitzer wie die Wedemeyers, Kleists oder Bismarcks unterstützten das Predigerseminar mit Lebensmitteln und auch die Großmutter hatte für die Seminaristen immer ein offenes Haus. Ruth-Alice erinnert sich, wie als Jugendliche Bonhoeffer erlebte: „Die Seminaristen hatten an die Gutshäuser der Bekennenden Kirche geschrieben: „Wir haben eine neues Seminar, das ist aber illegal und muss selbst finanziert werden! Wir brauchen Möbel und Lebensmittel!“ Von Pommern wurde einmal ein ganzer Waggon mit Kartoffeln geschickt, mal ein lebendiges Schwein, aber auch Möbel wurden gespendet. Auf materieller Basis war eine rege Kommunikation entstanden, und das Interesse der Großmutter war erwacht. „In einer behelfsmäßig zu einer Kirche umgebauten Turnhalle des Anwesens hörte Ruth-Alice zum ersten Mal Bonhoeffer predigen zusammen mit ihrer Großmutter und ihren Cousinen und Cousins. Sie erinnert sich, dass Bonhoeffer weder eine „eindrucksvolle Figur“ noch eine „eindrucksvolle Stimme“ hatte:„… Dietrich sprach leise, die Gestalt wirkte pastoral, die blonden Haare waren spärlich über die Glatze rüber gebürstet ‒ das konnte die Glatze allerdings nicht verbergen. Aber im Augenblick, als dieser Mensch anfing zu reden, war man einfach fasziniert, von der inneren Überzeugungskraft, die von ihm ausging. Eine Predigt über den 139. Psalm habe ich mir besonders gemerkt, dieser Psalm war mir von Kindheit an vertraut: Herr, Du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt Du es. Dann kam: Und ob ich gleich wanderte am äußersten Meer, so würde mich doch Deine Hand dar selbst führen und Deine Rechte mich leiten. Pustekuchen! Dietrich übersetzte total anders. „Würde mich doch dar selbst Deine Hand fassen und Deine Rechte mich packen“. Hier stand also ein Mensch, den hatte Gott gepackt und ließ ihn nicht wieder aus.“ Nicht nur für Gottesdienste fuhr man nach Finkenwald, die Besuche erstreckten sich auch auf den Nachmittag, an denen Shakespeare-Dramen gelesen wurden. „Meine kleine Cousine von Bismarck und ich hatten die hohe Ehre, die Frauenrollen zu lesen.“ Eine andere Welt eröffnete sich für die junge Ruth-Alice, als sie...

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Israel: Annäherungen durch Gespräche und Initiativen

Auf dem langen und beschwerlichen Weg zur deutsch-israelischen Aussöhnung markierte ein Treffen der beiden Staatsmänner David Ben-Gurion und Konrad Adenauer am 14. März 1960 auf „neutralem“ Boden, im Hotel Waldorf Astoria in New York (gesprochen wurde auf Englisch), einen Meilenstein. Am 12. Mai 1965 nahmen beide Länder schließlich offizielle diplomatische Beziehungen auf. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits Privatpersonen sowie die beiden Kirchen und andere gesellschaftliche Institutionen versucht, entgegen Widerstände auch aus den eigenen Reihen Kontakte nach Israel zu knüpfen. Diese Initiativen gewannen nun an Schwung, was Ruth-Alice und Klaus von Bismarck die Auseinandersetzung mit dem „unbekannten Land“ und seinen Menschen erleichterte. Ruth-Alice und Klaus von Bismarck näherten sich Israel auf unterschiedliche Art und auf verschiedenen Wegen an. Im Jahr 1961 reisten beide gemeinsam zum ersten Mal nach Israel. Die Reise ins „Land der Bibel“ war der Auftakt zu einer fortdauernden Auseinandersetzung mit der deutsch-jüdischen Geschichte und der Geschichte Israels beziehungsweise Palästinas. Dabei schufen sie sich differenzierte Grundlagen, das Land und die Menschen zu verstehen. Während Klaus von Bismarck berufliche Zugänge nutzte und besonders als Präsident des Goethe-Instituts kulturpolitische Initiativen zwischen beiden Ländern förderte, ging seine Frau von religiösen Fragestellungen aus. Die christlich-jüdischen Bibelwochen (in Deutschland und Israel) gaben Ruth-Alice die Möglichkeit, mit Juden ins Gespräch zu kommen, und regten insbesondere die Beschäftigung mit dem Alten Testament an als einen Weg, sich der jüdischen Geschichte und jüdischem Leben anzunähern. Eine dauerhafte und inspirierende Gesprächspartnerin fand sie in der Jüdin Minna Issler, deren Zuhause für Ruth-Alice „ein Stück echte Heimat in Jerusalem“ wurde. Auch Begegnungen mit jüdischen Gelehrten auf Kirchentagen brachten für Ruth-Alice, die sich mit der hebräischen Sprache befasste, wichtige intellektuelle Impulse. U.a. unterstützte und begleitete sie der israelische Friedensaktivist und spätere Träger des Aachener Friedenspreises Reuven Moskovitz auf ihren Reisen nach Israel. Klaus von Bismarck bezeichnete Moskovitz, der wegen seiner unkonventionellen Initiativen auch umstritten ist, als „Abenteurer des Friedens“. Ruth-Alice von Bismarck sah ihre Auseinandersetzung mit Israel nie als ihr „Privatinteresse“ an. Vielmehr war es ihr Anliegen, den nachfolgenden Generationen Wege aufzuzeigen, das Land, seine Geschichte und die seiner alten und neuen Bewohner verstehen zu lernen. Dagegen konzentrierte Klaus von Bismarck sein Interesse auf gesellschaftspolitische Fragen, die die Beziehungen Israels zu Deutschland und auch zu seinen Nachbarn prägten. Während der Zeit als Intendant des WDR stand Israel allerdings noch nicht im Fokus seiner Aufmerksamkeit, wenngleich er schon damals bevorzugt persönliche Begegnungen nutzte, um Land und Menschen besser kennenzulernen. Als Präsident des Goethe-Instituts besuchte von Bismarck das „Heilige Land“ dann mehrmals und knüpfte dabei u.a. einen intensiven Kontakt zum liberalen Jerusalemer Bürgermeister (1965-1993) Teddy Kollek. Diese Verbindung sollte in den 1990er Jahren in eine zeitweilige Mitarbeit im „Jerusalem Komitee“ münden, in dem die Teilnehmer u.a. Möglichkeiten eines konstruktiven Miteinanders der unterschiedlichen Religionen und Kulturen in der Stadt reflektierten. Als Klaus von Bismarck nach mühsamen jahrelangen Verhandlungen 1979 in Tel Aviv das erste Goethe-Institut in Israel eröffnete, ging er ausführlich auf die „belastete Vergangenheit“ ein. „Normale“ Beziehungen werde es zwischen beiden Ländern noch sehr lange nicht geben. Für das Goethe-Institut sei „die Auseinandersetzung mit Geschichte, unserer eigenen wie der des Gastlandes“, hier eine besonders sorgsam zu pflegende „Selbstverständlichkeit“. Für Israels besondere Herausforderungen zeigte Klaus von Bismarck an vielen Stellen Verständnis. So bezeichnete er die Besetzung der Golanhöhen aus militärischer Sicht als Notwendigkeit. Dies habe er während einer Besichtigungstour erkannt, berichtete er später. Gleichwohl blieb er bei solchen Erkenntnissen nicht stehen, sondern kritisierte zuweilen die israelische Politik, wenn sie ihm zu wenig auf Ausgleich mit den Palästinensern zielte.   Autoren: Christine Schatz und Josef Schmid Die Zitate entstammen einem Interview, das Dr. Josef Schmid am 17.11.2005 mit Ruth-Alice von Bismarck geführt hat,...

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Vergangenheit: Fortdauernde Suche nach Konsequenzen

Als Klaus von Bismarck 1995 bekannte, er habe als Wehrmachtsoffizier „auf einer Insel des Selbstbetruges gelebt“, lagen bereits fünf Jahrzehnte intensiver Suche nach eigenen Irrtümern und eigener Schuld hinter ihm. Wiederholt zog er Konsequenzen aus gewonnenen Einsichten, welche großes öffentliches Aufsehen und nebst Zustimmung auch heftigen Widerspruch, darunter Morddrohungen, erregten. Nach 1945 unterstützte er aktiv den Aufbau eines demokratischen und pluralistischen Deutschlands. Ruth-Alice von Bismarck engagierte sich beim Neuaufbau zunächst vor allem für lokale Gemeinschaften und Belange, später erweiterte sie ihren Wirkungskreis. Sie verband ihre Bemühungen, aus Versäumnissen und Fehlern der Vergangenheit zu lernen, stets mit der Suche nach neuen Leitlinien für verantwortungsbewusstes Christsein. Politische und persönliche Konsequenzen Klaus von Bismarcks Es fiel Klaus von Bismarck insofern leicht, sich aktiv an der Aufarbeitung der zahlreichen beispiellosen Verbrechen der nationalsozialistischen Führung zu beteiligen, als er ihr selbst in kritischer Distanz oder Ablehnung gegenübergestanden hatte, etwa bei der Missachtung von Befehlen als Wehrmachtsoffizier. So förderte er nach 1945 in allen seinen beruflichen Stationen und in vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten den kritischen Umgang mit der jüngsten deutschen Geschichte. Ein erstes öffentliches Zeichen seiner fortschreitenden Erkenntnis über eine eigene Mitverantwortung setzte er 1954 mit dem freiwilligen Verzicht auf frühere Besitztümer in Polen. Als WDR-Intendant war es für ihn selbstverständlich, einschlägige Produktionen gegen Kritiker zu verteidigen, darunter auch solche, die er selbst kritisch sah. Im Amt des Präsidenten des Goethe-Instituts initiierte er wiederholt interne und öffentliche Diskussionen über aktuelle vergangenheitspolitische Fragen wie den „Historiker-Streit“ 1987. Für seine zahlreichen persönlichen Bemühungen, über den „Eisernen Vorhang“ hinweg die Versöhnung zwischen Ost und West voranzubringen, erhielt er große öffentliche Anerkennung und mehrere Auszeichnungen. Weitaus schwerer tat sich Klaus von Bismarck dagegen mit der Aufarbeitung der Geschichte der Wehrmacht. Er hatte schon in jungen Jahren ein zuvor in Preußen und im Deutschen Kaiserreich etabliertes Soldatenethos verinnerlicht, dass ihn im Zweiten Weltkrieg nach eigener Aussage in das Dilemma brachte, zu wählen „zwischen entweder der Schuld, als Offizier in einer Führungsposition noch weiter zu machen, obwohl man inzwischen wusste, wie viel faul in diesem Staate war. Und andererseits der Schuld, die einem anvertrauten Soldaten im Stich zu lassen“. Vor diesem Hintergrund widersprach auch er nicht der lange Zeit verbreiteten Auffassung, die Wehrmacht wäre trotz mancher berechtigter Kritik im Prinzip „sauber“ geblieben. Vielmehr verteidigte er etwa in den 1970er Jahren sogar noch SS-Einheiten mit dem Hinweis, sie hätten in der Wehrmacht oft „tapfer“ gekämpft. Allerdings begann Klaus von Bismarck mit der Reflexion über das eigene, wie er es nannte, „pflichtbewusste“ Tun als „soldatisches Instrument in Hitlers Armee“ spätestens während einer mehrwöchigen Gefangenschaft in einem britischen Lager bei Eutin, in welches er kurz nach Kriegsende am 8. Mai 1945 gekommen war. In emotionaler Aufgewühltheit zwischen „Trauer und Erleichterung“ habe er dort angefangen, sich prüfende Fragen über das vorangegangen Verhalten in der Wehrmacht zu stellen, schrieb er 1946 ehemaligen Kameraden. Befriedigende Antworten fand Klaus von Bismarck auch nach eigener Aussage zu diesem Zeitpunkt noch nicht. In der Folgezeit artikulierte oder unterstützte er einschlägige Kritik und setzte sich immer wieder mit deren ganz persönlicher Dimension auseinander. Besonders als Leiter des Jugendhofs Vlotho und im Rahmen seines vielfältigen Engagements für die Evangelische Kirche führte er dieses selbstkritische Fragen fort. Erkenntnisfördernde Antworten fand und äußerte er schrittweise. Einen für ihn folgenreichen „Schock“ erlebte er im Rahmen einer Reise 1986 nach Minsk. Dort eröffnete er eine Ausstellung des von der Hamburger Körber-Stiftung betreuten Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten über den „Alltag im Nationalsozialismus“. Auf eigenen Wunsch ermöglichten ihm die Gastgeber den Besuch der 50 Kilometer entfernten Gedenkstätte Chatyn. Dort wurde er mit Dokumenten über Kriegsverbrechen der Wehrmacht konfrontiert. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland ließ er zentrale Behauptungen der Chatyner Ausstellung...

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Polen: Brücken bauen bis zum Miteinander

Im Umgang mit Polen setzte Klaus von Bismarck nach 1945 frühe und viel beachtete Zeichen, dass er aus Fehlern der Vergangenheit lernen und Konsequenzen ziehen wollte. Er folgte der Einsicht, dass ein konstruktiver deutscher und persönlicher Neuanfang „nur mit den Polen“ möglich sei. Ähnlich wie Marion Gräfin Dönhoff, Siegfried Lenz und Günter Grass avancierte von Bismarck zu einem „Pionier der Versöhnung“ (Władysław Bartoszewski) zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern. In der Folgezeit nutzte von Bismarck seine beruflichen Engagements stets intensiv, um eine Verständigung zwischen beiden Ländern zu fördern. Das eröffnete ihm selbst neue Blicke auf Polen. Schritt für Schritt wurde ihm bewusst, wie sehr er zuvor „mit dem Rücken nach Osten“ gelebt hatte. Als Klaus von Bismarck 1954 auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Leipzig öffentlich seinen Verzicht auf frühere Besitztümer in Pommern erklärte, wollte er „die Kette des Unrechts“ durchbrechen. Er war nicht bereit, neue Schuld auf sich zu laden, indem er eine Politik unterstützte, die die jetzt in seiner Heimat lebenden Polen dem Risiko einer erneuten Vertreibung aussetzte. Diese Positionierung brachte von Bismarck heftige Anfeindungen durch deutsche Vertriebenenpolitiker bis hin zu Morddrohungen ein. Er antwortete, dass „uns allen“ eine „blinde Liebe zur Heimat nicht mehr erlaubt“ sei. Als Mitunterzeichner des Tübinger Memorandums, einer unter Federführung der Wissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker und Werner Heisenberg erstellten Denkschrift an die Bundesregierung, sprach von Bismarck sich 1961 für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als dauerhafte deutsche Staatsgrenze im Osten aus. Drei Jahre später reiste er erstmals seit Kriegsende nach Polen. Radio Warschau hatte ihn eingeladen, da er sich als WDR-Intendant sehr für einen deutsch-polnischen Kulturaustausch und für eine kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands einsetzte. Seine Frau Ruth-Alice begleitete ihn und veröffentlichte später unter dem Titel „Hier bin ich geboren…“ in der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT einen eindrucksvollen Bericht über den „Augenblick der Rückkehr“ in die pommersche Heimat. Beide besuchten damals auch das ehemalige KZ Auschwitz, das heute weltweit als eine zentrale Gedenkstätte an den Holocaust gilt. Klaus von Bismarck zeigte sich erschüttert von den Zeugnissen der Judenvernichtung. Darüber hinaus habe es für ihn eine wegweisende Erkenntnis für den weiteren Umgang mit Polen gegeben: Er habe dort erstmals erfahren, dass „diese barbarische Tötungsanlage von den Deutschen zunächst zur Ausrottung der polnischen Intelligenz geschaffen worden war“, berichtete er später. Fortan widmete er sich verstärkt der Geschichte und Gegenwart Polens. Direkte Begegnungen mit Polen, der Vielfalt ihrer Musik, ihrer Kunst und nicht zuletzt ihr verschmitzter Humor beeindruckten ihn nachhaltig. Auf seinen insgesamt 29 Reisen ins Nachbarland bis 1989 besuchte er nur noch drei Mal seinen Heimatort. Stattdessen knüpfte er Kontakte zu Mitgliedern des Sejm, dem – politisch allerdings wenig einflussreichen – polnischen Parlament, und zu weiteren führenden Persönlichkeiten Polens sowie zu prominenten Journalisten wie Adam Krzemiński. Einzelne Kontakte hielten bis zum Tod von Bismarcks. Der später vielfach ausgezeichnete Krzemiński hatte sich früh einen Ruf als ausgezeichneter Kenner Deutschlands erworben. Er schätzte Klaus von Bismarcks Fähigkeiten als Brückenbauer so sehr, dass er ihn 1996 in seinen Versuch einband, eine Versöhnung zwischen Polen und Litauen anzustoßen. Als WDR-Intendant unterstützte Klaus von Bismarck nach Kräften die damals sehr umstrittene sozialdemokratische Ostpolitik, die auf eine Verständigung mit den östlichen Nachbarn zielte. Zum Dank nahm ihn Bundeskanzler Willy Brandt 1970 in seiner Delegation mit zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Grundlagenvertrages nach Warschau, wo von Bismarck den historischen Kniefall des Kanzlers – ein Symbol für die Bitte um Vergebung für deutsche Verbrechen im Nationalsozialismus – aus nächster Nähe miterlebte. Anschließend forderte von Bismarck in öffentlichen Beiträgen, den Warschauer Vertrag mit Leben zu erfüllen. Auf seine Initiative intensivierte der WDR seine Sendungen über Polen. Das Präsidentenamt im Goethe-Institut nutze Klaus von Bismarck, um auf...

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Zeitzeugen: Erinnerungen an Ruth-Alice von Prof. Dr. Christian Pfeiffer

„Stundenlanges Kartoffeln schälen, Reden über Gott und die Welt, Krawattenshow von Klaus, die Gründung der Bürgerstiftung Hamburg“ sind nur wenige Schlaglichter, die Christian Pfeiffer auf die Jahrzehnte währende Freundschaft zwischen dem Ehepaar Pfeiffer und dem Ehepaar von Bismarck wirft. In seinen Erinnerungen an Ruth-Alice von Bismarck bleiben ihre Lebenslust, Liebefähigkeit und eine nie endende Neugier auf das Leben um sie herum die prägnantesten Eigenschaften. Prof. Dr. Christian Pfeiffer - Foto: Bischöfliche Pressestelle Hildesheim (bph) Vor etwa 35 Jahren besuchten uns Frieda und Magdalena in München-Schwabing in der Kurfürstenstraße. Sie entdeckten dadurch, dass wir nur zwei Straßen entfernt von ihren Eltern/Schwiegereltern wohnten und luden uns dazu ein, die beiden kennenzulernen. So sind wir Ruth-Alice und Klaus das erste Mal in ihrer wunderbaren Altbauwohnung mit den großen, hohen Räumen und den Flügeltüren dazwischen begegnet. Ausgehend von unserem gemeinsamen Kaffeetrinken hat sich eine nachbarschaftliche Freundschaft entwickelt. Wir sind oft bei ihnen gewesen, manchmal kurz entschlossen zu einem kleinen Plausch oder zu abendlichen Gesprächen bei einem guten Glas Rotwein. Daneben gab es aber auch die Einladungen zu den großen Diskussionsrunden. Dann wurden die Flügeltüren geöffnet. So entstand Platz für 30 Personen. Es gab eine wunderbare Kartoffelsuppe, Brot, guten Wein und immer einen Impulsvortrag zu einem spannenden Thema. Danach wurde lebhaft und manchmal auch kontrovers debattiert. Klaus leitete die Diskussion. Aber der emotionale Mittelpunkt war immer Ruth-Alice mit ihrer umwerfenden Herzlichkeit, ihrem lachenden Gesicht und ihrer engagierten Fürsorge für Gäste, die nicht richtig zu Wort kamen oder als Querdenker einen neuen Akzent setzen wollten. Einmal hatte ich das große Vergnügen, selber als abendlicher Referent mitzuwirken. Die Kriminalisierung türkischstämmiger Kinder und Jugendlicher war mein Thema. An die abendliche Diskussion kann ich mich heute gar nicht mehr erinnern, wohl aber an den Nachmittag. Ich saß mit Ruth-Alice in der Küche. Wir schälten einen Riesenberg von Kartoffeln und redeten miteinander über Gott und die Welt – buchstäblich. Religion war uns beiden wichtig, aber das auf sehr unterschiedliche Weise. Ruth-Alice war kirchlicher als ich, stärker im Gebetsdialog mit Gott verbunden. Mir war schon damals das Glaubensbekenntnis ein fremder Text, den ich im Gottesdienst nicht mitsprechen wollte. Aber in unserer großen Begeisterung für Christus und seine Botschaft, da trafen wir uns und hatten so unsere gemeinsame Gesprächsbasis. Aber dieser lange Nachmittag bot auch die Chance, über ganz andre Themen zu reden. Ruth-Alice erzählte mir von Dietrich Bonhoeffer und ihrer Schwester Maria und davon, dass die beiden Verlobten sich nicht mehr sehen konnten, nachdem die Nazis ihn 1943 ins Konzentrationslager Buchenwald und dann in das KZ Flossenbürg gebracht hatten. Sie berichtete mir von dem eindrucksvollen Briefwechsel, der so entstanden ist. Und weil wir über diese starke Liebesbeziehung sprachen, landeten wir auf einmal bei Anna und mir. Nach zehn Jahren Partnerschaft hatten wir uns dank Annas Schwangerschaft endlich dazu entschlossen, zu heiraten. Ruth- Alice und Klaus hatten wir dazu natürlich eingeladen und so erzählte sie mir an diesem Nachmittag schließlich farbig und mit großer Erinnerungsfreude von ihrer eigenen Hochzeit im Sommer 1939 auf dem Gut Pätzig. Doch dann gab es bei uns plötzlich eine große Sorge. Anna geriet in eine Risikoschwangerschaft, musste wochenlang liegen. Da tauchte eines Tages Ruth-Alice mit einem Blumenstrauß bei ihr auf, setzte sich an ihr Bett und erzählte ihr von ihrer ersten Schwangerschaft, von den Ängsten, die sie da hatte und der Riesenfreude, dass dann alles gut gegangen war, als das erste von acht Kindern auf die Welt kam. Drei Monate später war dann bei unserer Hochzeit Walzer angesagt – zunächst mit Anna, vorsichtig und nicht zu wild, damit es ja keine Frühgeburt gibt – dann mit Ruth-Alice, richtig schwungvoll und mit überschäumender Lebensfreude. An eine schöne...

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Zeitzeugen: Erinnerungen an Ruth-Alice von Dr. Alice Haidinger

Die gebürtige Hamburgerin, Familienanwältin und Mitgründerin der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung einer Beratungsstelle für Eheleute und Verlobte in Karlsruhe, Dr. Alice Haidinger (geb. Rée), erinnert sich an die frühe Begegnung mit Ruth-Alice und Klaus von Bismarck kurz nach Kriegsende. Damals noch in der Ausbildung zur Juristin kam sie von Hamburg mit einem besonderen Anliegen zu den Bismarcks nach Oberbehme. Die freundschaftliche Beziehung, die sich aus dieser Begegnung entwickelte, hielt ein ganzes Leben lang. Bald nach dem Kriegsende traf sich ein Freundeskreis von Studenten und dachte darüber nach, wie es dazu kommen konnte, dass die Nazis in unserem Land so viel Macht gewinnen konnten. Wir schauten auf England und die USA und erfuhren, dass dort die akademische Jugend in Colleges lebt und im Zusammenleben schon Demokratie lernt. Wir schlossen daraus, dass, wenn in der Weimarer Republik die Studenten in einem College gelebt hätten, die zukünftigen Akademiker nicht so unpolitisch gewesen wären, dass sie dem National-sozialismus erlagen. So hatten wir den größenwahnsinnigen Plan, ein College zu gründen. Unter den Namen, die uns als mögliche Förderer genannt wurden, war auch Klaus von Bismarck. So machte ich mich mit Christian (Chrischi) Albrecht, später Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft und dann maßgeblich am Aufbau der Universität Hamburg beteiligt, und Caspar (Cassi) Kulenkampff (Student der Medizin und später Professor für Psychiatrie) auf, ihn auf seinem Jugendhof Vlotho zu besuchen. Wir wurden nach Oberbehme geschickt, wo er mit Ruth-Alice, drei Kindern und der Familie seiner Schwiegermutter als Flüchtling lebte. Als wir die kleine Brücke des Wasserschlosses überquert hatten, schlug die Uhr acht oder neun abends, es war „Curfew“, d. h., es herrschte nächtliche Ausgangssperre und kein Deutscher durfte noch auf der Straße sein. Für die Bismarcks hieß das, zu den Flüchtlingen kamen noch drei Hamburger, die dort übernachten mussten. Eine strahlende, bezaubernde Frau mit ihrem dritten Sohn Klaus auf dem Arm empfing uns in der großen Wohnküche. Selbstverständlich konnten wir bleiben. Klaus kam dazu und bei Tee wurde heiß diskutiert, unsere Pläne für gut befunden und wir wurden eingeladen auf der Rückfahrt wieder in Oberbehme zu übernachten. Wir wollten noch zu dem späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann, dem EKD-Ratsmitglied und Mitunterzeichner des Stuttgarter Schuldbekenntnisses vom Oktober 1945, und zu Kardinal Graf von Galen, dem Bischof von Münster, der in der Nazizeit gegen die Euthanasie gepredigt hatte mit dem Erfolg, dass sie beendigt wurde. Man hatte nicht gewagt, ihn ins KZ zu bringen. Dr. Alice Haidinger Bei dem zweiten Besuch auf der Rückfahrt wurde mir erst richtig klar, was für ein Geschenk für mich diese Begegnung mit Klaus und Ruth-Alice war. Als Hamburgerin hatte ich keinerlei Verbindung zu Menschen aus dem Osten und nun diese Familie! Sie luden mich zu Ostern [1947f] ein und da wurde mir so bewusst, dass sie auf ihrem Treck ihre Welt mitgenommen hatten. Es gab eine Morgenandacht, eine Abendandacht. Die Ostereier lagen in einer Schale, in der schon lange vorher Hafer gesät und gewachsen war und der nun eine Osterwiese bildete. Vor Sonnenaufgang musste das Osterwasser geholt werden und man durfte als Mädchen auf keinen Fall dabei lachen, obgleich die Jungs alles dazu taten, dass man doch lachen musste. Diese Familie hatte nichts mehr als ihren Glauben und ihre Tradition, aber das war für mich hinreißend. Ruth-Alice konnte mit einigen Handgriffen aus einer kargen Kammer mit einer Militärdecke und einem Zweig in einer Flasche eine gemütliche Höhle für Klaus gestalten. Wie wir alle satt wurden, ist mir heute noch ein Rätsel. Ich habe nie gehört, dass Ruth-Alice über irgendwas gejammert hat. Wichtig war nur, die Welt zu verändern oder zu lachen. Das änderte sich auch nicht als ich sie später in Villigst und Köln besuchte....

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