Im Umgang mit Polen setzte Klaus von Bismarck nach 1945 frühe und viel beachtete Zeichen, dass er aus Fehlern der Vergangenheit lernen und Konsequenzen ziehen wollte. Er folgte der Einsicht, dass ein konstruktiver deutscher und persönlicher Neuanfang „nur mit den Polen“ möglich sei. Ähnlich wie Marion Gräfin Dönhoff, Siegfried Lenz und Günter Grass avancierte von Bismarck zu einem „Pionier der Versöhnung“ (Władysław Bartoszewski) zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern. In der Folgezeit nutzte von Bismarck seine beruflichen Engagements stets intensiv, um eine Verständigung zwischen beiden Ländern zu fördern. Das eröffnete ihm selbst neue Blicke auf Polen. Schritt für Schritt wurde ihm bewusst, wie sehr er zuvor „mit dem Rücken nach Osten“ gelebt hatte.
Als Klaus von Bismarck 1954 auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Leipzig öffentlich seinen Verzicht auf frühere Besitztümer in Pommern erklärte, wollte er „die Kette des Unrechts“ durchbrechen. Er war nicht bereit, neue Schuld auf sich zu laden, indem er eine Politik unterstützte, die die jetzt in seiner Heimat lebenden Polen dem Risiko einer erneuten Vertreibung aussetzte. Diese Positionierung brachte von Bismarck heftige Anfeindungen durch deutsche Vertriebenenpolitiker bis hin zu Morddrohungen ein. Er antwortete, dass „uns allen“ eine „blinde Liebe zur Heimat nicht mehr erlaubt“ sei.
Als Mitunterzeichner des Tübinger Memorandums, einer unter Federführung der Wissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker und Werner Heisenberg erstellten Denkschrift an die Bundesregierung, sprach von Bismarck sich 1961 für die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als dauerhafte deutsche Staatsgrenze im Osten aus. Drei Jahre später reiste er erstmals seit Kriegsende nach Polen. Radio Warschau hatte ihn eingeladen, da er sich als WDR-Intendant sehr für einen deutsch-polnischen Kulturaustausch und für eine kritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands einsetzte. Seine Frau Ruth-Alice begleitete ihn und veröffentlichte später unter dem Titel „Hier bin ich geboren…“ in der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT einen eindrucksvollen Bericht über den „Augenblick der Rückkehr“ in die pommersche Heimat.
Beide besuchten damals auch das ehemalige KZ Auschwitz, das heute weltweit als eine zentrale Gedenkstätte an den Holocaust gilt. Klaus von Bismarck zeigte sich erschüttert von den Zeugnissen der Judenvernichtung. Darüber hinaus habe es für ihn eine wegweisende Erkenntnis für den weiteren Umgang mit Polen gegeben: Er habe dort erstmals erfahren, dass „diese barbarische Tötungsanlage von den Deutschen zunächst zur Ausrottung der polnischen Intelligenz geschaffen worden war“, berichtete er später. Fortan widmete er sich verstärkt der Geschichte und Gegenwart Polens. Direkte Begegnungen mit Polen, der Vielfalt ihrer Musik, ihrer Kunst und nicht zuletzt ihr verschmitzter Humor beeindruckten ihn nachhaltig. Auf seinen insgesamt 29 Reisen ins Nachbarland bis 1989 besuchte er nur noch drei Mal seinen Heimatort. Stattdessen knüpfte er Kontakte zu Mitgliedern des Sejm, dem – politisch allerdings wenig einflussreichen – polnischen Parlament, und zu weiteren führenden Persönlichkeiten Polens sowie zu prominenten Journalisten wie Adam Krzemiński. Einzelne Kontakte hielten bis zum Tod von Bismarcks. Der später vielfach ausgezeichnete Krzemiński hatte sich früh einen Ruf als ausgezeichneter Kenner Deutschlands erworben. Er schätzte Klaus von Bismarcks Fähigkeiten als Brückenbauer so sehr, dass er ihn 1996 in seinen Versuch einband, eine Versöhnung zwischen Polen und Litauen anzustoßen.
Als WDR-Intendant unterstützte Klaus von Bismarck nach Kräften die damals sehr umstrittene sozialdemokratische Ostpolitik, die auf eine Verständigung mit den östlichen Nachbarn zielte. Zum Dank nahm ihn Bundeskanzler Willy Brandt 1970 in seiner Delegation mit zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Grundlagenvertrages nach Warschau, wo von Bismarck den historischen Kniefall des Kanzlers – ein Symbol für die Bitte um Vergebung für deutsche Verbrechen im Nationalsozialismus – aus nächster Nähe miterlebte. Anschließend forderte von Bismarck in öffentlichen Beiträgen, den Warschauer Vertrag mit Leben zu erfüllen. Auf seine Initiative intensivierte der WDR seine Sendungen über Polen.
Das Präsidentenamt im Goethe-Institut nutze Klaus von Bismarck, um auf deutsch-polnischen Foren für ein besseres gegenseitiges Kennenlernen zu werben. Ein Kulturinstitut in Polen, für das er sich von Beginn an einsetzte, konnte jedoch erst nach dem Fall der Mauer und damit nach seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt realisiert werden. Seine beruflichen Initiativen für eine bessere deutsch-polnische Verständigung flankierte von Bismarck durch zahlreiche private Initiativen. 1979/80 trug er dazu bei, die einzigartige Sammlung polnischer Volkskunst des früheren ARD-Korrespondenten in Warschau, Ludwig Zimmerer, in Westdeutschland zu präsentieren. Nach Ausrufung des Kriegsrechtsrechts in Polen 1981 kam es zu einer der seltenen gemeinsamen Initiativen des Ehepaars von Bismarck: Zusammen mit dem Literaten Heinrich Böll, dem Publizisten Walter Dirks, der Schauspielerin Liesel Christ, dem Pianisten Christoph Eschenbach und weiteren prominenten Mitstreitern organisierten sie eine umfangreiche Lebensmittelspende für die Not leidende polnische Bevölkerung. Als Klaus von Bismarck 1989 mit dem Carlo-Schmid-Preis geehrt wurde, stellte er das Preisgeld polnischen Doktoranden zur Verfügung.
Auch im Ruhestand war von Bismarck ein von beiden Ländern gern in Anspruch genommener Experte im deutsch-polnischen Dialog. Bundespräsident Richard von Weizsäcker nahm ihn 1990 mit auf Staatsbesuch nach Polen. In zahlreichen Podiumsdiskussionen kritisierte Klaus von Bismarck Fehlentwicklungen auf beiden Seiten und forderte ein aktiveres Miteinander.
An Pfingsten 1992 besuchte er auf Anregung seiner Kinder mit seiner Familie Jarchlin. Er unternahm die Familienreise mit gemischten Gefühlen, befürchtete Missverständnisse auf polnischer Seite. Hinterher zeigte er sich erleichtert, dass die Fahrt seine Angehörigen offenkundig zu einem neuen Nachdenken über Polen und seine Menschen angeregt habe. Mit ähnlich zwiespältigen Gefühlen beobachtete er zunächst, dass sein Bruder Philipp in Kulice/Külz wenig später eine Lehr- und Tagesstätte errichten ließ. Doch Philipp, der sich in Polen inzwischen ebenfalls einen guten Ruf als sachlich argumentierender und aufgeschlossener Politiker erworben hatte, setzte das Projekt offenkundig behutsam um. Klaus von Bismarck erlebte 1996 dort eine Diskussion über die „Die Bismarcks in Pommern“, in der ihm die unbefangenen Fragen der „Enkel-Generation“ frischen Mut auf ein künftig deutlich besseres deutsch-polnisches Verhältnis machten.
Autor: Josef Schmid
Weiterführende Dokumente: Ruth-Alice von Bismarck: „Hier bin ich geboren…“, 1964, und Bericht zur Diskussion über die „Die Bismarcks in Pommern“, 1996.

