Dietrich Bonhoeffer: Begegnungen und Erinnern

Die Beziehungen Dietrich Bonhoeffers zu den Familien Kleist-Retzow, Wedemeyer und Bismarck entwickelten sich vor dem Hintergrund der sozialen, ökonomischen und politischen Verwerfungen der 1930er und 1940er Jahre. Gemeinsame religiöse und politische Überzeugungen zwischen Bonhoeffer und Ruth von Kleist-Retzow bildeten den Ausgangspunkt und die Basis der zunehmend engen Kontakte. Die mit der Verlobung Bonhoeffers mit Maria von Wedemeyer begonnene familiäre Verbindung konnte jedoch infolge der Inhaftierung und Ermordung Bonhoeffers durch die Nationalsozialisten am 9. April 1945 nie ausgelebt werden. Ruth-Alice von Bismarck setzte sich später erneut intensiv mit Bonhoeffer auseinander, als der Briefwechsel zwischen Maria und ihm aus der Zeit seiner Tegeler Haft publiziert werden sollte.

Über ihre Großmutter Ruth von Kleist-Retzow lernten Ruth-Alice von Bismarck und ihre vier Jahre jüngere Schwester Maria Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) kennen. Die Großmutter nahm Dietrich Bonhoeffer auf ihrem Gut Klein Krössin mehrmals auf, als er an seinen Schriften, vor allem der unvollendeten und postum erschienen Ethik, arbeitete. Sie besuchte mit ihren Enkelkindern die Gottesdienste des Predigerseminars in Finkenwalde, das Bonhoeffer für die Bekennende Kirche bis zur Schließung 1937 leitete. Das Interesse an theologischen Fragen führte Ruth von Kleist-Retzows mit Dietrich Bonhoeffer zusammen.

Ruth von Kleist Retzow (1867-1945) hatte nach dem frühen Tod ihres Mannes 1897 die Leitung der Güter Kiekow und Klein Krössin zwar einem Verwalter übergeben, die Oberaufsicht jedoch immer behalten. Sie selbst übersiedelte zwei Jahre später nach Stettin. Während des Ersten Weltkriegs und in der Jahren der Weimarer Republik zog sie sich wieder nach Kiekow bzw. in das benachbarte Klein Krössin zurück. Erst ab 1935 bezog sie wieder eine Wohnung in Stettin (Pölitzer Straße 103), in der sie eine „Enkelpension“ einrichtete für ihre Enkel, damit diese in Stettin die Schule besuchen konnten.

Predigerseminar Finkenwalde

Pommersche Gutsbesitzer wie die Wedemeyers, Kleists oder Bismarcks unterstützten das Predigerseminar mit Lebensmitteln und auch die Großmutter hatte für die Seminaristen immer ein offenes Haus. Ruth-Alice erinnert sich, wie als Jugendliche Bonhoeffer erlebte: „Die Seminaristen hatten an die Gutshäuser der Bekennenden Kirche geschrieben: „Wir haben eine neues Seminar, das ist aber illegal und muss selbst finanziert werden! Wir brauchen Möbel und Lebensmittel!“ Von Pommern wurde einmal ein ganzer Waggon mit Kartoffeln geschickt, mal ein lebendiges Schwein, aber auch Möbel wurden gespendet. Auf materieller Basis war eine rege Kommunikation entstanden, und das Interesse der Großmutter war erwacht.

„In einer behelfsmäßig zu einer Kirche umgebauten Turnhalle des Anwesens hörte Ruth-Alice zum ersten Mal Bonhoeffer predigen zusammen mit ihrer Großmutter und ihren Cousinen und Cousins. Sie erinnert sich, dass Bonhoeffer weder eine „eindrucksvolle Figur“ noch eine „eindrucksvolle Stimme“ hatte:„… Dietrich sprach leise, die Gestalt wirkte pastoral, die blonden Haare waren spärlich über die Glatze rüber gebürstet ‒ das konnte die Glatze allerdings nicht verbergen. Aber im Augenblick, als dieser Mensch anfing zu reden, war man einfach fasziniert, von der inneren Überzeugungskraft, die von ihm ausging. Eine Predigt über den 139. Psalm habe ich mir besonders gemerkt, dieser Psalm war mir von Kindheit an vertraut: Herr, Du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt Du es. Dann kam: Und ob ich gleich wanderte am äußersten Meer, so würde mich doch Deine Hand dar selbst führen und Deine Rechte mich leiten. Pustekuchen! Dietrich übersetzte total anders. „Würde mich doch dar selbst Deine Hand fassen und Deine Rechte mich packen“. Hier stand also ein Mensch, den hatte Gott gepackt und ließ ihn nicht wieder aus.“

Nicht nur für Gottesdienste fuhr man nach Finkenwald, die Besuche erstreckten sich auch auf den Nachmittag, an denen Shakespeare-Dramen gelesen wurden. „Meine kleine Cousine von Bismarck und ich hatten die hohe Ehre, die Frauenrollen zu lesen.“ Eine andere Welt eröffnete sich für die junge Ruth-Alice, als sie einmal einen Blick in das Zimmer Bonhoeffers werfen konnte: „es war so farbenprächtig, die Wand war orange gestrichen und Dietrich hatte ganz viele geheimnisvolle Dinge im Zimmer stehen. Viel später habe ich erfahren, dass er aus Amerika Spirituals mitgebracht hatte, die damals noch gar nicht bekannt waren, >Negermusik< wurde das genannt. Es war einiges geheimnisvoll für uns“.

Maria von Wedemeyer und Dietrich Bonhoeffer

Slider

Die entscheidende Begegnung zwischen Maria von Wedemeyer und Dietrich Bonhoeffer fand im Juni 1942 bei der Großmutter Ruth von Kleist-Retzow in Klein-Krössin statt. Maria hatte gerade das Abitur bestanden, Bonhoeffer war von einer Reise in Schweden zurückgekommen. Aus dem anfänglich etwas distanzierten Kontakt erwuchs bald gegenseitige Hochachtung und Zuneigung, was von der Großmutter wohlwollend gefördert, von der Mutter eher blockiert wurde, die den großen Altersunterschied bedenklich fand. Sie forderte von den beiden eine einjährige Wartezeit ohne Brief- und sonstigen Kontakt. Aber schon zu Beginn des Jahres 1943 teilte Maria ihrer Mutter mit, dass sie Dietrich Bonhoeffer heiraten wolle. Die Mutter jedoch setzte eine weitere halbjährige Kontaktsperre durch, die durch Bonhoeffers Verhaftung im April 1943 obsolet wurde. Das Brautpaar sah sich im Gefängnis wieder. Für die folgenden zwei Jahre war der Briefwechsel die einzige Verbindung. Erst im Juni 1945 erfuhr Maria von Bonhoeffers Tod, zwei Monate nach der Hinrichtung im Konzentrationslager Flossenbürg.

Unter dem Titel Brautbriefe Zelle 92 hat Ruth-Alice von Bismarck zusammen mit Ulrich Kabitz den Briefwechsel mit Marias Zustimmung nach deren frühen Tod 1977 der Öffentlichkeit vorgelegt. Im Münchner Frauenkreis arbeitete sich mit Margarete Weber zusammen, deren Ehemann als Verlagsleiter im Chr. Kaiser Verlag tätig war, in dem Einzelbände, aber auch eine Gesamtausgabe der Werke Dietrich Bonhoeffers erschienen, mit denen Ruth-Alice jedes Mal beim Erscheinen beschenkt wurde. Diese Texte wurden für Ruth-Alice „zu wichtigem Austausch“, wie sich Margarete Weber erinnert.

Erinnerungen an Bonhoeffer wach halten

Bereits vor der Arbeit an den Brautbriefen befasste sich Ruth-Alice von Bismarck intensiv mit Bonhoeffer, besuchte 1976 das Bonhoeffer-Symposium in Genf, auf dem Carl Friedrich von Weizsäcker einen Vortrag Gedanken eines Nichttheologen zum Leben des Theologen Dietrich Bonhoeffer hielt. Bei der Arbeit an den „Brautbriefen“ setzte sie diese Auseinandersetzung – auch mit den Zielen der Bekennenden Kirche – fort. In den Brautbriefen Zelle 92  widmete sie den beiden Familien ‒ von Wedemeyer und Bonhoeffer ‒ einen eigenen Abschnitt und skizzierte Dietrich Bonhoeffers Herkunft und Lebensweg. Auf Lesereisen und mit Vorträgen hat sie das Andenken an ihre Schwester und an Bonhoeffer gepflegt und bewahrt, so auf einem Vortrag im Goethe-Institut in Prag: „es war eine verhältnismäßig kleine Gruppe, die da im Goethe-Institut versammelt war.“

Ein Filmprojekt, angeregt vom WDR, schildert Ruth-Alice als eine „sehr dramatische Geschichte“, die schließlich zu einem „vernünftigen“ Projekt geführt habe. Der Film „Die letzte Stufe“ beginnt mit einem Moment, wo Bonhoeffer, die ihm gebotene Chance nutzt und in die USA reist. Ruth-Alice erinnerte sich an die Erfahrung, dass „die Gesetze eines Filmes ganz andere sind, als die eines historischen Berichtes. Das müssen immer knackige Spots sein, die dann auch gemacht wurden. Ulrich Kabitz [der Mitherausgeber] und ich haben immerhin erreicht, dass die Filmgesellschaft den Drehbuchautor ausgewechselt hat.“ Die Deutschland-Premiere fand am 24. August 2000 statt.

 

Autorin: Christine Schatz

Die Zitate von Ruth-Alice von Bismarck stammen aus Interviews, die Dr. Josef Schmid mit Ruth-Alice von Bismarck am 11. Mai 2005 sowie am 23. und 27. Februar 2006 geführt hat.