Der von Reinold von Thadden-Trieglaff im Juli 1949 in Hannover initiierte Deutsche Evangelische Kirchentag war als ergänzendes Gegenüber zur verfassten Kirche angelegt. Laien und Theologen sollten dort auf der Basis des gemeinsamen Glaubens gleichberechtigt aktuelle Fragen der Welt diskutieren. Ruth-Alice und Klaus von Bismarck gehörten zu den frühen und dauerhaft aktiven Unterstützern der Initiative, wenngleich sie dabei differenzierte Wege gingen und zuweilen unterschiedliche Positionen einnahmen.
Bewusste Meinungsvielfalt
Kirchliche Leitungen verhielten sich zunächst überwiegend reserviert gegenüber der institutionell unabhängigen Laienbewegung. Pietistische Gruppen kritisierten unter dem Credo „Kein anderes Evangelium“ offen die pluralistische Konzeption. Doch Reinold von Thadden ließ sich davon nicht beirren. Er suchte geeignete Mitstreiter und bat u.a. seinen pommerschen Landsmann Klaus von Bismarck um Mitwirkung. Dieser willigte sofort ein. Gerade der offene, suchende Charakter des Kirchentages, orientiert an der theologischen Neubesinnung der Bekennenden Kirche, überzeugte ihn. Klaus von Bismarck bereitete den Essener Kirchentag 1950 mit vor und übernahm in der Folgezeit an vielen führenden Stellen Verantwortung: zunächst als Mitglied im Präsidialausschuss, von 1955 bis 1995 im Kirchentagspräsidium und 1979 auch als Präsident; ferner als Leiter von Arbeitsgruppen, als Moderator von Diskussionen und als Referent.
Angeregt durch sein paralleles Engagement im Weltkirchenrat setzte sich Klaus von Bismarck früh für eine internationale und ökumenische Orientierung des Kirchentages ein. Mitte der 1970er Jahre stagnierten viele ökumenische Bemühungen, besonders zwischen katholischen und evangelischen Kirchenleitungen. In dieser Zeit wandelte sich die protestantische Laieninitiative deutlich vom Zuhör- zum Mitmachkirchentag, wofür der neu eingeführte „Markt der Möglichkeiten“ ein Sinnbild wurde. In der Folge wirkten vermehrt kirchliche Gruppen mit, die sich überwiegend aus gemischtkonfessionellen und oft sogar aus der Kirche kritisch-distanziert gegenüberstehenden Jugendlichen zusammensetzten und politische Ziele verfolgten. Klaus von Bismarck begrüßte sie in einer zeitgenössischen Stellungnahme nicht zuletzt als ökumenisches Korrektiv und lobte die mit ihnen verbundene „wichtige Bluttransfusion“ im Rahmen der seines Erachtens weiterhin notwendigen kirchlichen Erneuerung. Der Kirchentag blieb ein Motor des ökumenischen Dialogs.
Ruth-Alice von Bismarck engagierte sich stark an der kirchlichen Basis, wo sie gemeinsam mit Gleichgesinnten neue theologische und darauf aufbauend politische Einsichten zu gewinnen versuchte. Zu einzelnen Fragen formulierte sie dabei später andere Antworten als ihr Mann. Als etwa 1987 die „Frauen gegen Apartheid“ vom Kirchentag forderten, die Konten bei der Deutschen Bank zu kündigen, da diese intensiv mit dem südafrikanischen Apartheid-Regime kooperiere, unterstützte sie die Initiative, ihr Mann lehnte sie dagegen ab. Ruth-Alice von Bismarck war nach jahrelangen Diskussionen über das Thema in kirchlichen Basisgruppen, zuletzt auf dem Kirchentag 1985 in Düsseldorf, zur Überzeugung gelangt, man müsse endlich ein konkretes Zeichen setzen gegen das Unrecht der Apartheid. Klaus von Bismarck war ebenso wie Richard von Weizsäcker und weitere prominente Präsidiumsmitglieder aus prinzipiellen Erwägungen dagegen, dass der Kirchentag sich dem Druck einer bestimmten Gruppe beugt. Mit ähnlicher Begründung hatte Klaus von Bismarck vor dem Kirchentag 1979 verhindert, dass die umstrittene Theologin Dorothee Sölle wieder ausgeladen wurde. Mit hauchdünner Mehrheit votierte das Präsidium 1987 für die Kündigung der Bankkonten. Später stimmte das Ehepaar überein, dass beide Positionen ihre Berechtigung haben.
Neue Wege und Einsichten
Der Kirchentag fand von Beginn an großen Zuspruch. Ähnlich wie viele andere Teilnehmer zeigten sich beide Bismarcks 1950 in Essen beeindruckt, dass es der Versammlung gelang, einen hoffnungsvollen Kontrapunkt zur NS-Vergangenheit zu setzen: „Man hatte diese Massenversammlungen“, so Ruth-Alice von Bismarck, „noch von den Nazis in Erinnerung und plötzlich war es genauso. Ein Stadion voller Menschen, aber diesmal eben nicht nationalsozialistisch, sondern christlich. Das war überwältigend, diese Erstlingserlebnisse in einer neuen Freiheit.“ Auch für ihren Gatten Klaus war dies eine bewegende Erfahrung, wie er in seinen Memoiren schildert: „Noch wenige Jahre zuvor waren in diesem Stadion Nazilieder gesungen worden. Der Vergleich, der noch frisch in der Erinnerung stand, machte den Unterschied fühlbar, als wir jetzt Lieder von Paul Gerhardt und Luther, Verse von Jochen Klepper und Rudolf Alexander Schröder sangen, an denen wir uns im Kriege festgehalten hatten. Und wir hörten gar nicht wieder auf. In Straßenbahnen, Autobussen, auf Straßen und Plätzen wurde einfach weitergesungen. Essen schien sich mit Gesang zu füllen.“
Das Ehepaar von Bismarck nahm nach eigener Aussage stets mit Freude an der traditionellen morgendlichen Bibelarbeit der Kirchentage teil, um sich anschließend mit ähnlicher Leidenschaft den verschiedenen gesellschaftlichen Fragen zu widmen. Konsequenzen aus Krieg und NS-Vergangenheit waren dabei immer wieder Thema. Auf dem Kirchentag 1954 in Leipzig zog Klaus von Bismarck in seinem Referat über „Die Freiheit des Christen zum Halten und Hergeben“ eine erste, Aufsehen erregende persönliche Schlussfolgerung: Er gab seine Ansprüche auf frühere Besitztümer in Pommern auf, denn er sehe keine Chance, dortige Eigentumsrechte „ohne Krieg und neue große Schrecken“ geltend zu machen. Der Kirchentag blieb ein gern genutztes kirchliches Forum, in dem Klaus von Bismarck und viele Weggefährten ihre immer tiefer gehenden Erkenntnisse im Umgang mit der Vergangenheit öffentlich zur Diskussion stellten.
Gemeinsam mit anderen Kirchentags-Teilnehmern suchte das Ehepaar von Bismarck nach neuen Wegen im deutsch-deutschen Miteinander, das spätestens nach dem Mauerbau 1961 auch für Christen in Ost und West immer schwieriger wurde. Ruth-Alice von Bismarck freute sich besonders, dass der Kirchentag in Berlin 1977 im Zusammenspiel zwischen Organisatoren und Einzelinitiativen in grenzüberschreitender Verbundenheit praktiziert werden konnte. Es war, so erinnerte sie später, gelungen, aus der DDR „eine ganze Menge Gemeindeglieder herüber zu bekommen, die dann auch in den einzelnen Arbeitsgruppen zu Wort kamen“. Ein Jahr später reiste Klaus von Bismarck als offizieller Gast zum regionalen Kirchentag in Stralsund, was er auch zum Austausch mit DDR-Funktionären nutzte. 1983 besuchte er den Kirchentag in Dresden. Parallel unternahmen vor allem er und Richard von Weizsäcker einige „fast konspirative Expeditionen“ (Bismarck) in die DDR. Dabei habe er, so sein Resümee 1995, viel über „Möglichkeiten und Grenzen christlicher Aktivität in einem marxistisch gesteuerten totalitären Staat“ gelernt. Dies habe bei ihm Reflexionen ausgelöst, ob die westlichen Kirchen ihre größeren Chancen auf politisch unabhängiges Agieren ausreichend nutzten.
Ende der 1950er Jahre war der Kirchentag in einen christlich-jüdischen Dialog getreten, der ab 1961 durch eine Arbeitsgruppe „Juden und Christen“ fest im Programm verankert wurde. Ruth-Alice von Bismarck nutzte die damit verbundenen Angebote immer wieder intensiv. Auf einem der Kirchentage beeindruckte sie ein jüdischer Gelehrter, der in seinem Referat die Frage stellte: „Sollten die Juden an den gleichen Gott glauben wie die Christen?“ Das war für sie „ein emotionales Erlebnis ‒ wir waren aufgewachsen in einer anderen Religion. Und dann las ich zum ersten Mal ein Buch von Schalom ben Chorin [geboren am 20. Juli 1913 in München als Fritz Rosenthal, gestorben am 7. Mai 1999]. Ich bin ihm treu geblieben und habe ihn auch mal in Israel getroffen.“
Autoren: Christine Schatz und Josef Schmid
Literaturhinweis: Schalom ben Chorin: Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht, München 1967.