Ruth-Alice von Bismarck und Minna Issler ‒ Freundschaft und Versöhnungstat

Auf der ersten Bibelwoche, 1977, an der Ruth-Alice teilnahm, lernte sie die Wiener Jüdin Minna Issler und deren Ehemann kennen. Aus dieser ersten Begegnung, die für Ruth-Alice eine Art Schicksalsbegegnung war, entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. In einem langen Interview am 17. November 2005 schilderte Ruth-Alice Aspekte dieser Freundschaft …

 

Minna Issler, geboren in Wien, ging mit der zionistischen Jugendbewegung nach Palästina und lebte dann in Tel Aviv. Sie war im Erwachsenenalter erblindet und ihr Mann war „ihr Augenlicht“. Nach dem Tod des Ehemanns übernahm Ruth-Alice dessen Aufgabe „Augenlicht“ zu sein, wenn sie Minna Issler bei deren Besuchen zu den christlich-jüdischen Bibelwochen oder während des Sommerurlaubs in Deutschland betreute. Das nicht einfache Zusammensein sah Ruth-Alice als Versöhnungsaufgabe: „Die Versöhnung bestand also darin, dass ich … alles mit ihr durchhielt.“

Ruth-Alice erinnert sich:

„Sie kam mit dem Flugzeug an, indem sie gut betreut wurde. Minna war ein sehr selbstständiger Mensch. Und diese Selbstständigkeit erforderte immer ganz ungeheuerliche Bocksprünge von den Menschen, die sich für sie einsetzten. Es war immer die Quadratur des Zirkels, was es alles zu vereinigen gab. Sie durfte nicht unter 500 aber auch nicht über 600 Meter, es mussten immer ebene Spaziergänge sein, es musste ein Haus sein, was billig war, wo sie aber Diät bekommen konnte. Alle diese Dinge mussten zusammen kommen und kamen aber nie ganz zusammen. Es blieb immer noch Raum für Katastrophen, die bei jedem ungefähr vierwöchigen Aufenthalt Katastrophen passierten. Diese Katastrophen von rückwärts her betrachtet waren einfach auch eine Beteiligung an einem Friedensprozess zwischen Israel und Deutschland.“

„Wir wurden mit der Verzweiflung konfrontiert, die in einem jüdischen Menschen, in einem neuen israelischen Bürger, anwesend war. Diese Verzweiflung konnte nur überwunden werden, wenn sie auch heraus kam. Die Verzweiflung bestand nicht nur darin, dass der Ort plötzlich eine Mückenplage hatte oder die Hauswirtin einer entsetzlichen Sekte angehörte, die Ausschwitz leugnete. Es passierte immer etwas Entsetzliches, aber gleichzeitig passierte auch immer wieder etwas neues Gutes.“

„Ich konnte immer nur acht Tage bei Minna sein, sie wollte eigentlich, dass ich die ganze Zeit über bei ihr bleibe, aber ich hatte ja auch noch ein anderes Leben. Also musste ich Leute finden, die sich bereit erklärten neben einer blinden Frau die höchst selbstbewusst und höchst selbstständig war, eine Woche auszuharren. In der Mitte gab es immer eine Bibelfreizeit von einem Wochenende, wo es dann auch wirklich um das Gespräch zwischen Juden und Christen ging. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, dass Minna Issler ein unglaublich großes Gefühl für wichtige Menschen hatte, die sie dann auch anzog. Immer waren irgendwelche Menschen bereit, das Letzte für Minna zu geben. Aber es begegneten uns auch Menschen, die geradezu fürchterlich waren.“

„Aber eine ganz große Sache war ein Stück echter Versöhnung zwischen uns. Es wuchs einfach das Vertrauen und es wuchs auch die Gruppe von Menschen, die sie umgaben. Zum Schluss ‒ ich glaube, diese Treffen fanden sieben Jahre lang statt ‒ fanden wir wirklich gute Teilnehmer an der Bibelfreizeit. Langsam, langsam, langsam wuchsen wir zusammen. Eine große Rolle hat auch Thomas gespielt, der kam, um mich zu unterstützten und auch ein bisschen Urlaub in den Bergen dabei zu verbringen. Thomas hatte einen herrlichen Humor. Morgens, wenn Minna schlechtester Laune am Frühstückstisch saß, sagte ich: „Minna, das Morgengebet!“ Minna sagte: „Ich danke Dir Gott, Schöpfer der Welt, dass Du mir meine Seele zurückgegeben hast!“ Das sagte sie anschließend noch einmal auf Hebräisch. Wenn dann aber ihre Laune nicht besser wurde, kam Thomas und sagte zu Minna: „Was wünschen Majestät heute Morgen?“

Da Minna Isslers Kräfte zusehends abnahmen und sie die Reisen nicht mehr bewältigen konnte, ging man dazu über, immer eine Woche bei ihr in Israel zu sein. Die Bibelfreizeit fand dann an einem Wochenende in Jerusalem statt. Ruth-Alice war rund zwanzig Mal in Israel. Durch die vielen Besuche, besonders aber durch die sich festigende Freundschaft mit Minna Issler und die vielen Aufenthalte gewann Ruth-Alice „ein Stück echte Heimat in Jerusalem“, wie sie sich erinnert.

 

Auszüge aus einem Interview, das Dr. Josef Schmid mit Ruth-Alice von Bismarck am 17. November 2005 geführt hat. Redaktionelle Bearbeitung Christine Schatz