Ruth-Alice von Bismarck über die Villigster Jahre

Villigst -Ruth-Alice Kopie

 

„Kein Mensch kann beschreiben, was der Name Haus Villigst in unserer Familie auslöst. … Vorher in Klaus‘ Vlothozeit war für mich das erste Stück Heimat die Straße zwischen Oberbehme und Vlotho, die ich mit dem kleinen alten DKW zurücklegte. Nun aber begann ein eigenes Zuhause in einer großen Hausgemeinschaft zu wachsen. Unvergesslich, wie ich zum ersten Mal das große alte Gutshaus betrat und über das weite Wiesental der Ruhr sah – das große Bild mit der riesigen Wiese! wie bei Caspar David Friedrich, dahinter am Horizont die Stadt und die Kirche: Schwerte! Das ging sehr tief. Plötzlich konnte die Seele wieder atmen. Ich sah aus dem Fenster und sah die Weite. In Oberbehme, Ravensberg hatte ich so gelitten – überall waren kleine Berge und kleine Häuschen – eine Landschaft von Hügeln und Häuschen. …“.

 Das Gutshaus

Das Gutshaus hatte Elisabeth Freifrau von Gemmingen, geb. von Rheinbaben, gepachtet und weiterverpachtet an die Evangelische Kirche von Westfalen. Es lag dem Pachtvertrag der Wunsch zugrunde „in Wahrung der Familie von Gemmingen, das Haus Villigst einer Aufgabe der Evangelischen Kirche zuzuführen“. (aus: Anfänge. Evangelisches Studienwerk in den Jahren 1948-1967, [ca 1987]). Als Hausdame und Hausmutter für die Studenten fungierte die Baronin von Reiswitz.

„Bei meinem ersten Besuch in Villigst kam ich in den ovalen Saal in der ersten Etage. Dort wurde ich von der Baronin, die als Tochter des früheren Besitzers dort als Hausdame diente – ich möchte das Wort diente unterstreichen – zum Frühstück eingeladen. Sie war ein total unangepasster Mensch und auf diese Weise ein Zeuge für den Vorbesitzer, ihren Vater.“

Alltag in Villigst

„Die kleinen Stall- und Hofgebäude wurden umgebaut. Ein kleiner zweistöckiger Kornboden mit Fußboden aus alten Eichenbohlen, einem Katzenloch in der Tür und einer Leiter in den ersten Stock wurde uns gezeigt. Wir durften Latten legen, wie wir unsere Räume wollten. Die Werkstudenten bauten. Zwar fielen die Türen später teilweise wieder heraus und die Mäuse blieben ständige Begleiter, aber durch das große Fenster in der Küche sah man durch eine Blutbuche, die tief unter uns aus dem Park gewachsen, die Ruhr. Davor ein Tisch für die ganze Familie. Eine Bank vor dem Fenster und durch rote Farbe zusammen passend lauter verschiedene Stühle. Dazu ein Altar und ein Harmonium für die alle versammelnde Kapelle im Keller. Alle Kinder schliefen zu ebener Erde in einem Zimmer. Wenn einer als Strafe ohne Abendbrot ins Bett musste, stellte die Hausdame Baronin Reiswitz etwas zu essen ans Fenster. Die Baronin weckte morgens um vier Uhr die Werkstudenten zum Schichtbetrieb.“

Die rasch wachsende Familie kam ohne Hilfe im Haushalt nicht aus. Unterstützung erhielt Ruth-Alice von Bismarck in den Villigster Jahren durch junge Frauen und Mädchen, die als Wirtschafterinnen, Kindergärtnerinnen und Haustöchter oder Praktikantinnen für kürzere oder längere Zeit die Hausfrau in der Betreuung der Kinder und bei den Arbeiten in Haus, Küche und Garten entlasteten. Viele der Haustöchter wurden zu lieben Hausgenossen, die man nur ungern gehen ließ, auch wenn sie nur kurze Zeit im Haushalt der v. Bismarcks gearbeitet hatten. Zu Zeiten des Wochenbettes erhielt Ruth Alice eine Kranken- und /oder Säuglingsschwester zur Seite. Bei der Geburt von Sohn Klaus 1945 war es Magdalene von Eschwege, Schwester Marie-Luise v. Abendroth bei der Geburt von Sohn Ernst 1947 oder Schwester Käthe Gauger bei der Geburt von Tochter Maria 1959.

Die Einstellungsgespräche hat Ruth-Alice v. Bismarck offenbar weitgehend alleine geführt und dazu einen Fragebogen erstellt, der ihr beim Bewerbungs- bzw. Vorstellungsgespräch als Leitfaden diente.

Kindheit in Villigst

„Jedes unserer Kinder ist in die Villigster Zeit auf eine andere Weise hineingewachsen, weil sich immer viel geändert hat. Villigst war ein großer Entwicklungsprozess.“ Die Kinder wurden nacheinander in der Dorfschule, die einen Kilometer entfernt lag, eingeschult: „Frieder ging zur Dorfschule und er wünschte sich einen Orang Utan, der ihn auf dem Schulweg begleitet und ihn vor den Dorfjungs beschützte, die ihn prügelten. In der Schule war Kläuser der erste, der dem Kontakt mit den Klassenkameraden große Bedeutung zumaß. Unsere Kinder mussten als Fremdkörper in diese Dorfschule gehen. Sie trugen alle bis zu ihrem fünften Lebensjahr Pagenköpfe. Erst danach wurden die Haare abgeschnitten. Gottfried ging in die Dorfschule und eines Tages erschien Dane mit seinen Geschwistern, um ihn zu besuchen. Gottfried war verschwunden. Dane fragte Gottfried, wo er gewesen wäre. Gottfried sagte: „Das konnte ich nicht aushalten. Diese Haare und diese Kittel!“ Unsere Kinder trugen die Hessenkittel, sie trugen also eine Art Uniform und fielen in der Schule ganz furchtbar auf.“

In der neu gebauten Kirche in Villigst wurde Klaus als erster eingesegnet. In der Kirche von Villigst wurde auch die Tochter Maria getauft. „Der Tauftext war der Lobgesang der Hannah, die Mutter des Samuel, der David gekrönt hat: Der Bogen der Starken ist zerbrochen und die Schwachen sind umgeben von Stärke!

Der Abschied von Villigst war für Ruth-Alice schmerzhaft: „Ich hatte immer gesagt, wenn ich mal von Villigst weggehe, sterbe ich beinahe! So tief verwurzelt fühlte ich mich an diesem Ort. Das ist auch bis heute der Ort, der uns am tiefsten geprägt und unseren Lebensweg bestimmt hat.“ Im Abschiedsgedicht jedoch schlug sie heitere Töne an.

Auszüge aus Interviews, die Dr. Josef Schmid mit Ruth-Alice von Bismarck im März 2005 und am 26. Januar 2006 geführt hat. Text und redaktionelle Bearbeitung Christine Schatz.