Kein außereuropäisches Land hat Ruth-Alice von Bismarck so oft besucht wie Israel. Sowohl allein als auch im Familienverband reiste sie insgesamt sieben Mal nach Israel. Das sie wohl am stärksten bewegende Erlebnis war die Reise mit den Enkeln und Freunden 1990. Allen Reisen ging eine intensive Vorbereitung voraus, mehrfach dokumentierte und reflektierte Ruth-Alice von Bismarck die Erlebnisse während dieser Reisen.
Ein erster Israel-Besuch fand offenbar bereits 1961 statt, ohne dass Aufzeichnungen oder Fotografien davon erhalten geblieben sind. Die nächste Reise nach Israel, 1978, unternahm Ruth-Alice allein, um an einer deutsch-jüdischen Bibelwoche (April/Mai) in Jerusalem teilzunehmen. Zur Eröffnung des Goethe-Instituts in Tel Aviv im Mai 1979 reiste das Ehepaar gemeinsam und besuchte bei dieser Gelegenheit auch Haifa und das Leo Baeck Center. Ihre Eindrücke von dieser Reise hielt Ruth-Alice in einem Reisetagebuch fest.
Die vielen „Ebenen von Eindrücken und Erlebnissen“ (Ruth-Alice) bewogen beide im Jahr darauf mit Geschwistern und Freunden (insgesamt acht Personen) erneut nach Israel zu reisen:
„Mein ganzes Engagement für Israel fing auch erst richtig in München an, erinnert sich Ruth-Alice. Die Anregungen kamen dabei von der Malerin Helga von Loewenich (aus dem Frauenkreis) und deren Mann, Pastor einer evangelischen Gemeinde in München. Sie stellten auch den Kontakt zwischen Ruth-Alice von Bismarck und einem jüdischen Neutestamentler her, dessen Ausspruch: „In keinem Volk der Erde war es für Jesus so schwierig zur Welt zu kommen, wie in Israel“ sie sehr beeindruckt hat.
Die Reisen nach Israel wurden sorgfältig vorbereitet, denn eine reine „Touristenreise“ kam nicht infrage. Besondere Vorbereitung erhielt aber die Enkel-Reise nach Israel 1990. Die Reise sollte nicht in Unkenntnis der Geschichte und der aktuellen politischen Situation Israels stattfinden. In der Zeit, in der Ruth-Alice allein oder mit Familie Israel bereiste, war die politische Geschichte des Landes einerseits von einem beachtenswerten wirtschaftlichen Erfolg, andererseits aber auch von Kriegen geprägt. Seit dem 1. Nahostkrieg (1948/49), den Israel gewann und in dem Israel weitere Gebiete über die Teilungsgrenzen von 1947 hinaus eroberte, führte Israel mehrere Kriege (1956, 1967, 1973). Seit 1987 erschütterten wiederkehrende Aufstände der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten (1. Intifada 1987, 2. Intifada 2000) das Land.
Was Ruth-Alice schon über ihre Südamerikareise bemerkte, kann auch für die Israelreisen gelten: Es ging nicht um „Abenteuer, die nur Geltung, Ansehen und Interesse verschaffen ‒ weder fahre ich als ein Mensch, der seine Kultur ausbreiten dafür Reichtümer heimbringen will, noch als einer, der Heil erhofft, sondern ich fahre als Ruth Alice in einer komplizierten Welt, die sie nicht mehr überblicken kann. Das Fremde ‒ weil das ‒ Heimatliche langweilig geworden ist? Sondern ich fahre aus unlösbaren Fragen und unüberblickbaren Situationen in andere genauso unlösbare ‒ und ich hoffe mir Hilfe.“
Aussagen von Ruth-Alice von Bismarck aus einem Interview, das Dr. Josef Schmid mit ihr am 16. und 23. Februar 2006 geführt hat. Redaktionelle Bearbeitung Christine Schatz
Weiterführende Dokumente: 2 Seiten aus dem Reisetagebuch von 1979 von Ruth-Alice von Bismarck; Einladungsbrief vom 2.7.1979 zur Israel-Reise 1980; Reisetagebuch 1980; Unterkunft in Jerusalem im Lutheran Hostel; Flyer des Leo Baeck Center und Karte von Haifa und Umgebung aus dem Archiv, Chronologie der Aufstände im israelisch-palästinensischen Krieg;