Nach dem Ende des Nationalsozialismus und seiner Vernichtungspolitik sahen viele Menschen insbesondere im christlich-jüdische Dialog eine Forderung und Aufgabe der Zeit. Zu ihnen gehörte auch Ruth-Alice von Bismarck.
Ihr Engagement begann nach Danes Tod 1977. An ihre erste christlich-jüdische Bibelwoche, ein „Schlüsselerlebnis“ erinnert sie sich: „Ich war also nach Danes Tod allein im Haus. Mein Mann war schon in München im Hotel. Er hatte auch das Gefühl: „Ich habe es hier so herrlich in München – das ist ein tolles Leben! Meine Frau kann ruhig in Köln bleiben …“. Zusammen mit ihrem Sohn Thomas und der Vikarin der Kölner Gemeinde reiste sie kurz entschlossen nach Bendorf, obwohl die Veranstaltung bereits ausgebucht war.
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„Danes Tod hatte mich sehr bewegt und sehr beschäftigt – und nun war plötzlich so eine Stille im Haus. Ich sagte zu mir selbst: ‚Ganz allein, wie ist das möglich? Jetzt frage ich mal, ob gerade die christlich-jüdische Bibelwoche ist …‘. Und sie fand tatsächlich statt. … Wir fanden ein Notquartier auf einem Bauernhof und gingen zur jüdisch-christlichen Bibelwoche. Es waren etwa 100 Menschen da aus Israel, England und Deutschland. Die Frau, die die Bibelwoche leitete, Anneliese Debray [1911‒1985] – eine starke Persönlichkeit – hatte durch das von Papst Johannes XXIII. einberufene Konzil und der Barriere, die dabei zum jüdischen Volk fiel, die Idee gehabt, in Bendorf bei Koblenz, einer [Bildungsstätte der] katholischen Akademie [Trier], eine solche Bibelwoche zu veranstalten.“
Das Hedwig-Dransfeld-Haus im rheinland-pfälzischen Bendorf war seit der Gründung in den 1960er Jahren Begegnungsort für interreligiösen Dialog und Versöhnung [heute: Bendorfer Forum für ökumenische Begegnung und interreligiösen Dialog]. Neue Impulse für die christlich-jüdische Versöhnung kamen von Papst Johannes XXIII. und vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962‒1965). Der interreligiöse Dialog oder Dialog der Religionen auf der Grundlage von gegenseitigem Respekt, Gleichberechtigung und Friedensbestrebungen begann allerdings nicht erst in den 1960er Jahren.
„Die Bibelwoche lief bereits, als ich ankam. Sie hatten beim 1. Buch der Bibel angefangen und waren inzwischen durch Mose durch und nun bei Josua. Ich kam rein und erlebte, wie eine große Gruppe vor mir – es war ein großer Saal mit 100 Teilnehmern – in deutscher und englischer Sprache miteinander handelte. Es war eine Mischung von jungen und alten Leuten, aufgeteilt in Arbeitsgruppen. Jede Gruppe hatte einen jüdischen und einen christlichen Leiter, und wir mussten uns nun entscheiden, in welche Gruppe wir gehen wollten. Wir hatten ja überhaupt keine Anhaltspunkte. Vor mir saß eine Frau namens Professor Henry, früher aus der DDR kommend und nun ganz stark beschäftigt mit der jüdischen Bibel. Und ich erlebte, wie ein jüdischer Mann herein kam, auf diese Frau zu ging und sie begrüßte. Er war ein kleiner Mann, sie eine großgewachsene Professorin. Sie begegneten sich vor meinen Augen zum ersten Mal, waren vorher aber schon in schriftlichem Kontakt miteinander gewesen und nun glückselig, sich zu finden. Damit war der Entschluss gefallen: Wir gingen in diese jüdische Gruppe.
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Dort erlebte ich diese ungeheuerliche Sorgfalt der Juden mit ihrer Bibel. Zunächst wurde auf Hebräisch gelesen. Mich beeindruckte diese Leidenschaft, jedes Wort zu ergründen. Die hebräische Sprache hat ja keine Vokale, die Vokale sind nur durch Punkte dargestellt – und diese Punkte fehlten. Das heißt, jedes Wort hatte die Möglichkeit verschiedener Bedeutungen. Und da saßen die Menschen nun mit einer Leidenschaft und versuchten herauszufinden, was wohl diese Worte bedeuten. In unserem Kreis, der von Juden und Christen gemischt war, saß ein Paar, ein auffallendes Paar. Eine blinde Frau [Minna Issler] mit einem Mann; alle beide klein, alle beide einander sehr zugeneigt, fast so, als wären sie ein Mensch! Er war für sie die Augen, da sie ja blind war. Aber beide waren intensiv am Lesen. Irgendwann ging ich zu dem Mann hin und fragte ihn: „Warum sprechen Sie nicht? Ich sehe, Sie haben etwas zu sagen, also, warum sprechen sie nicht?“ Er sagte: „Ich habe Gott so große Vorwürfe zu machen, ich kann nicht sprechen!“ Die Frau aber fragte – mit einer ungeheuerlichen Intelligenz und Intensität. Beide sprachen Deutsch, sie war eine Wiener Jüdin, er stammte, glaube ich, aus Berlin. Zwischen uns entstand eine Freundschaft, die bis heute besteht, obgleich beide inzwischen gestorben sind.
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Es gab eine einzige Form von gemeinsamen Gottesdienst, das waren die Psalmen! Jeden Morgen wurde ein Psalm gelesen, in hebräischer, englischer und deutscher Sprache. Ich entsinne noch einen Psalm: „Zu Deinen Toren Jerusalem, jetzt sind wir da!“ Und dieses Wort von einer jüdischen Frau gesprochen, hatte eine so ungeheuerliche Intensität in sich, dass ich mitfühlen konnte, was es für die Juden bedeutete, in Jerusalem zu sein. Ich war ja schon 1961 mit meinem Mann in Jerusalem gewesen, aber nun konnte ich erst mitfühlen …“
Bereits im Folgejahr fand eine weitere Bibelwoche in Israel statt, an der Ruth-Alice ebenfalls teilnahm sowie Bibelfreizeiten, die Ruth-Alice mit organisierte, so im August 1990 und 1991 im oberbayerischen Kloster Seeon.
Auszüge aus einem Interview, das Dr. Josef Schmid mit Ruth-Alice von Bismarck am 10. November 2005 geführt hat. Redaktionelle Bearbeitung Christine Schatz
Weiterführendes Dokument: Erinnerungen an Minna Issler