Klaus

Hochzeit im Vorfeld des Kriegsbeginns

  Hochzeit 1939: Die beiden Familien von Wedemeyer auf Pätzig und von Bismarck auf Kniephof waren seit Jahren familiär und gesellschaftlich verbunden. Klaus von Bismarck hatte eine Zeit lang auf Pätzig als Landwirtschaftseleve gearbeitet, Ruth-Alice von Wedemeyer war häufig Gast bei Familienfeiern und Festen auf Kniephof. Die angespannte politische Situation im Sommer 1939 bewog beide nach knapp zweijähriger Verlobungszeit im Juli heiraten.  Die Hochzeit von Ruth-Alice von Wedemeyer und Klaus von Bismarck wurde „wegen Urlaubsschwierigkeiten für Soldaten“, wie die Einladungskarte informierte, kurzfristig um zwei Tage vorverlegt und fand am 15. Juli 1939 in der Dorfkirche von Pätzig statt. Sechs Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkrieges waren sich die meisten Beteiligten der drohenden Kriegsgefahr nur allzu bewusst. Ruth-Alice‘ Mutter, Ruth von Wedemeyer, schrieb dazu in ihren Erinnerungen: „Ruth-Alices Hochzeit stand bevor. Niemand hatte, unter solch düsteren Wolken, Elan für ein großes Fest. Aber [mein Mann] Hans ahnte, daß es für lange – oder sogar für immer? – die letzte Möglichkeit war, der Jugend eine Freude zu bereiten. Also wurden 124 Personen zusammengeladen. Die Hochzeit […] war, gerade angesichts dieses bösen Hintergrundes, ein Fest von soviel Leuchtkraft und Fröhlichkeit, wie kaum einer von uns es je erlebt haben mag. Sehr bald waren viele der jungen Männer, die noch so übermütig getanzt hatten, gefallen.“ Der Trauung ging der Polterabend am 14. Juli voraus. Dessen Programm versprach „Aufführungen verschiedener Piécen mit unfreiwilliger Komik“ sowie Essen, Trinken und Tanz. Aufgeführt wurde das Märchen vom Froschkönig der Gebrüder Grimm mit Cousin Alexander Stahlberg als Frosch-Prinzen und Ruth-Alice‘ Schwester Maria als Prinzessin. Noch Jahrzehnte später erinnerte sich Ruth-Alice freudig an das Fest, besonders an das Märchen-Musical: „Es wurde nicht nur gedichtet, sondern mit fabelhaften Songs von meiner musikalischen Tante [Spes (Pessi)] versehen. Die Lieder kann ich heute noch singen. Es wurde ein tolles Musical. Eine Bühne musste über das Beet hinter unserem Hause gebaut werden, sonst hätte meine Tante das ganze Beet ausgerissen.“ Tags darauf folgten die Trauzeremonie und das Festessen für die geladenen Gäste. Bräutigam Klaus von Bismarck hatte 1934 seine militärische Ausbildung im II. (Jäger-)Bataillon des Infanterie-Regiments 4 in Kolberg an der Ostsee begonnen und nach eigener Aussage gut vier Jahre mit „Passion“ gedient, zuletzt im Range eines Leutnants. Er war zwar inzwischen wieder in die zivile Berufswelt zurückgekehrt und arbeitete als landwirtschaftlicher Beamter, aber gemäß preußischer Tradition heiratete er in Paradeuniform und mit Stahlhelm und Säbel. Die Hochzeitsbilder wurden so ein Sinnbild für den nahen Kriegsbeginn – und für die Selbstverständlichkeit, mit der Klaus von Bismarck kurz darauf seiner „soldatischen Pflicht“ nachkam. Noch während der Hochzeitsreise erhielt er den Stellungsbefehl zum 1. August 1939 nach Kolberg. Zum Weiterlesen: Ruth-Alice über ihre Verlobungszeit Feste auf Gut Kniephof Polterabend und die Hochzeit Die Einladungskarte Programm des Polterabends Die Heiratsurkunde Speisenfolge des...

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„Pflichterfüllung“ an der Front

  Ost- und Westfront 1939-1945: Klaus von Bismarck war ein selbstbewusster junger Mann, der keineswegs blauäugig in den Krieg zog, sich wiederholt Befehlen verweigerte und gegen Kriegsverbrechen vorzugehen versuchte – und doch letztlich verlässlich, wie er es selbst nannte, „als soldatisches Instrument in Hitlers Armee“ diente. Für seine militärischen Leistungen und seinen mutigen Fronteinsatz erhielt er 1941 das Ritterkreuz und 1944 das Eichenlaub zum Ritterkreuz. Dem Widerstand gegen Hitler gab er nach eigener Aussage keine Chance. Als Klaus von Bismarck – im Range eines Adjutanten des Bataillonskommandeurs – mit seinem Kolberger Regiment Anfang September 1939 in Polen einmarschierte, sei ihm und anderen aufmerksamen Beobachtern bewusst gewesen, dass sie im Grunde ein wehrloses Volk überfielen. Die Leiden der polnischen Zivilbevölkerung blieben ihnen nicht verborgen. Trotzdem ließ auch von Bismarck sich vom erfolgreichen „Blitzkrieg“ berauschen. „Schaurig-schöne Schlachten“ habe er erlebt, schrieb er damals nach Hause. Der Polenfeldzug war rasch zu Ende, und das Kolberger Regiment wurde nach Westen verlegt. In Hennef bei Bonn bezogen von Bismarck und seine Kameraden Quartier. Dort genossen sie offenbar manches Freizeitvergnügen. Im Mai 1940 nahm das Regiment am Frankreichfeldzug teil, den die Wehrmacht ebenfalls nach wenigen Wochen siegreich und ohne größere Verluste beendete. Verluste erlitt auch das Kolberger Regiment kaum. Klaus von Bismarck musste damals eine Woche im Lazarett pausieren, ein Granatsplitter hatte ihn verletzt. Später folgten weitere Verwundungen, aber keine war lebensbedrohend. Die Nachricht von der Kapitulation Frankreichs erreichte ihn und seine Einheit in Les Sables d’Olonne am Atlantik. Dort erwarb sich von Bismarcks Einheit die Gunst der Bevölkerung, als sie evakuierte Kinder mit Wehrmachtslastwagen aus Lille zurückholte, ohne die üblichen Befehlswege einzuhalten. Er habe nie mehr in seinem Leben so viel Hummer gegessen, beschrieb Klaus von Bismarck später die Dankbarkeit der Franzosen. Ihm kam zugute, dass er bereits im Jahr zuvor erfolgreich eine Hilfsdolmetscherprüfung in Französisch abgelegt hatte und er sich direkt mit den Einheimischen verständigen konnte. Nachdem der Angriff auf Großbritannien abgesagt wurde, kehrte das Kolberger Regiment wieder nach Osten zurück – an die nächste Front. Am 22. Juni 1941 marschierte die Wehrmacht in die Sowjetunion ein. Der sogenannte Kommissarbefehl, demzufolge Politkommissare der sowjetischen Armee sofort zu erschießen waren, zwang die deutschen Offiziere, Position zu beziehen. Der Befehl zielte unverhohlen auf ein Kriegsverbrechen. Klaus von Bismarck verweigerte die Ausführung, ebenso hätten dies die übrigen  Angehörigen seines Regiments getan. Folgen hatte dies nicht. Doch sie bekamen bald mit, dass Einsatzkommandos von SS und SD im Hinterland wie zuvor in Polen gnadenlos wüteten, während die Wehrmacht anfangs wieder von einem militärischen Erfolg zum anderen eilte. Von Bismarck ließ eine junge Kommunistin, die sich verdächtig gemacht hatte, nach eigener Aussage wieder laufen, nachdem er mit ihr im Verhör über Vor- und Nachteile des Kommunismus diskutiert hatte. Hätte er sie an deutsche Dienststellen ausgeliefert, wäre das ihr sicherer Tod gewesen. Übergriffe deutscher Soldaten auf Kriegsgefangene und Zivilsten unterband er wiederholt. Der Kessel von Demjansk03.04.1942Diese Interaktive Karte besteht aus fünf historischen Lagekarten der Wehrmacht, sie zeigt die Entwicklung der Kesselschlacht von Demjansk im Zeitraum von April 1942 bis April 1943.Mit den Pfeiltasten können Sie durch die Karten navigieren.Der Kessel von Demjansk28.05.1942Der Kessel von Demjansk24.10.1942Der Kessel von Demjansk01.02.194302.04.1943 Unter der Führung von Bismarcks eroberten deutsche Truppen das strategisch wichtige Dorf Demjansk. Dafür erhielt er im Herbst 1941 das Ritterkreuz verliehen und eine Woche Sonderurlaub. NS-Propagandachef Joseph Goebbels lud ihn gemeinsam mit anderen frisch gekürten Ritterkreuzträgern zum Essen nach Berlin. „Wotans Mickymaus“, wie Goebbels abschätzig in der Truppe genannt wurde, beeindruckte von Bismarck durch detaillierte Sachkenntnis in militärischen Fragen. Später wunderte sich von Bismarck selbst, dass er die NS-Führung lange unterschätzt hatte. Im Herbst 1942 wurde Klaus von Bismarck aus...

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Übungen in Offenheit und Toleranz

  Vlotho 1946-1949: Der Jugendhof Vlotho wurde 1946 als zentrale Bildungseinrichtung für die Jugendleiter der britischen Besatzungszone gegründet. Die internationale Begegnungsstätte gilt heute als beispielhafter Versuch, im frühen Nachkriegsdeutschland Multiplikatoren der Jugendarbeit mit theoretischen und praktischen Grundlagen von Demokratie und Toleranz vertraut zu machen. Klaus von Bismarck nahm als ein Initiator und erster Leiter prägenden Einfluss auf Konzeption und Praxis des Jugendhofes. Er selbst verinnerlichte das dort erfahrene „we agree to differ“ als eigene gesellschaftspolitische Maxime. Die Briten suchten nach Kriegsende geeignete Deutsche, die ihnen bei der Umerziehung (Re-Education) der von nationalsozialistischem Gedankengut infiltrierten Jugend helfen sollten. Auf Vorschlag eines Onkels, der als Landrat im Kreis Herford eingesetzt war, bestellten die Besatzungsbehörden den gerade aus der Kriegsgefangenschaft entlassenen Klaus von Bismarck zunächst zum dortigen Jugendpfleger. Kaum im Amt, nutzte er die Anfrage eines britischen Offiziers nach einer Neukonzeption für die Jugendarbeit, um vor „penetranten Re-Education-Versuchen“ zu warnen. Vielmehr forderte er die Vermittlung ideologisch ungefärbter Information, eine gediegene Berufsausbildung für junge Menschen und den Austausch mit Jugendlichen aus anderen europäischen Ländern. Die Überlegungen des quasi über Nacht zum „Experten“ in Jugendfragen gewordenen Klaus von Bismarcks flossen als zentrale Bestandteile in die politische Bildungsarbeit des im Mai 1946 neu eingerichteten Jugendhofes Vlotho ein. Musische Lehrgänge, die die Kreativität fördern sollten, begleiteten die Seminare. Zentrales Ziel war es, die Teilnehmer zur Übernahme von Eigenverantwortung, Eigeninitiative und Selbstorganisation zu befähigen. Ehemalige Funktionäre der Hitler-Jugend, überzeugte Kommunisten und spätere DDR-Größen wie Erich Honecker sowie zahlreiche namhafte Gäste aus dem In- und Ausland trugen zur gelebten Vielfalt in Vlotho bei. Man diskutierte leidenschaftlich, duzte sich – und lernte die Sicht des Andersdenkenden besser verstehen und respektieren. Klaus von Bismarck erzählte später, dass er selbst in Vlotho eine genauere Vorstellung bekommen habe, was eine pluralistische Gesellschaft ausmache. Die Aufarbeitung des nationalsozialistischen Erbes sah er damals aber erst ganz am Anfang – ebenso die Auseinandersetzung mit eigenen Fehlern und Irrtümern. Während Klaus von Bismarck sich im Jugendhof Vlotho in Demokratie übte, über Landesgrenzen hinweg verlässliche Freundschaften aufbaute und damit Grundsteine für seine späteren beruflichen Wirkungsfelder legte, sah er seine größer werdende eigene Familie im 15 km entfernten Oberbehme nur an Wochenenden. Entsprechend begrenzt war die gemeinsame Zeit. Allerdings knüpfte er mit seiner Frau zusammen Kontakte zu Vertretern der Evangelischen Kirche, besonders zu den Pfarrern und späteren Bischöfen Ernst Wilm und Hans Thimme. Daraus resultierte die nächste berufliche Herausforderung, der er sich ab 1949 stellte: den Aufbau des neu gegründeten kirchlichen „Sozialamts“ in Villigst an der Ruhr. Weiterführende Dokumente: Ruth-Alice von Bismarck zu Ernst Wilm und Hans...

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Impulse für eine neue christliche Sozialarbeit

  Villigst 1949-1961: Haus Villigst in Schwerte an der Ruhr begann als Pionierprojekt der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW), die dort ab 1948 ihre jüngsten Initiativen für eine Öffnung der Kirche für weltliche Fragen und eine neue Qualität des Laienengagements konzentrierte. Klaus von Bismarck beteiligte sich ab Mai 1949 an diesem Projekt und setzte international beachtete Akzente für eine zeitgemäße sozialpolitische Orientierung der Evangelischen Kirche und die gemeinsame Sozialarbeit der Konfessionen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges suchte die EKvW aktiv nach einem besseren Zugang in die industrielle Arbeitswelt und zu den dort tätigen Menschen. Dabei führte sie ab 1949 verschiedene kirchliche Initiativen in Haus Villigst zusammen. Sozialpfarrer (1946-1948) Gerhard Stratenwerth hatte einen Sozialausschuss ins Leben gerufen, der die Kirchenleitung über aktuelle Sozialfragen orientieren und beraten sollte. Im Ausschuss arbeiteten Theologen und Laien gleichberechtigt zusammen. Ab 1948 begann in Haus Villigst in Schwerte an der Ruhr Hellmut Keusen ein kirchliches Begabtenförderungswerk aufzubauen und durch die zeitweilige Mitarbeit der Studenten in Betrieben der Region im Rahmen von Werksemestern erste praxisbezogene Brücken in die Arbeitswelt des Ruhrgebietes zu schlagen. Auf der Suche nach einem geeigneten Laien, der die Anregungen Stratenwerths aufnehmen und in Haus Villigst begleitend zu Keusens Studentenwerk eine kirchliche Sozialarbeit für Industriearbeiter beginnen sollte, bekam Ernst Wilm (Präses der EKvW 1949-1969) von Ruth-Alice von Bismarck, den Hinweis, dass ihr Mann Klaus ein neues Betätigungsfeld suche. Auf Initiative von Wilm übertrug die EKvW Klaus von Bismarck die nur vage umrissene sozialpolitische Aufgabe, aus der er das damalige Sozialamt (heute Teil des Instituts für Kirche und Gesellschaft) formte. Im Jahr 1953 siedelte die EKvW noch das Katechetische Amt (seit 1965: Pädagogisches Institut) unter Leitung von Gertrud Grimme in Haus Villigst an. Von Anfang an profitierte Klaus von Bismarck von der besonderen Gemeinschaft in Haus Villigst. Aus der zunächst spannungsreichen gemeinsamen Leitungstätigkeit mit Keusen erwuchs ein pragmatisches Miteinander, da beide sich auf die Aufgaben konzentrierten, die ihnen am meisten lagen. Intensive Diskussionen in der Hausgemeinschaft über Schlussfolgerungen für Christen aus der nationalsozialistischen Vergangenheit und die Kooperation mit namhaften Theologen und Laien, die zu dieser Zeit die evangelische Sozialethik aktualisierten, gaben ihm selbst eine neue Orientierung als „Christ in der Welt“. Großes Aufsehen erregte Klaus von Bismarck, als er 1954 auf dem Kirchentag in Leipzig als eine erste persönliche Konsequenz aus dieser Neuorientierung den freiwilligen Verzicht auf die früheren Besitztümer in Pommern erklärte. Der sozialpolitische Aufbruch innerhalb des Protestantismus, an dem sich Klaus von Bismarck aktiv beteiligte, entwickelte eine große Strahlkraft. So basierte die damals postulierte Soziale Marktwirtschaft auf wichtigen Elementen der evangelischen Sozialethik und der katholischen Soziallehre. Zusammen mit dem katholischen Bischof Franz Hengsbach etablierte Klaus von Bismarck in den 1950er Jahren die ursprünglich vom Generaldirektor der Deutschen Kohlenbergbauleitung, Heinrich Kost, angeregte Gemeinsame Sozialarbeit der Konfessionen (GSA). Diese völlig neuartige ökumenische Initiative setzte zunächst Maßstäbe für eine Humanisierung der Arbeitswelt im Steinkohlenbergbau. Ihr Leitwort ist von Beginn an „Lass sie Menschen bleiben im Betrieb!“ gewesen. Anfang der 1970er Jahre wurde das GSA-Modell, innerbetriebliche Probleme zwischen den Führungskräften und Mitarbeitern auf Tagungen zu reflektieren und Lösungsansätze zu erarbeiten, auf die Bochumer Opel-Werke...

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Streiter für einen unabhängigen Rundfunk

  Köln 1961-1976: Als WDR-Intendant erwarb sich Klaus von Bismarck den Ruf eines unbeirrbaren Streiters für die Rundfunkfreiheit, der sich in diesem Sinn entschlossen vor seine Mitarbeiter stellte. Zudem setzte er Akzente durch seine Unterstützung der sozialdemokratischen Ostpolitik. Nach 15 aufreibenden Jahren mit heftiger interner und externer Kritik kandidierte von Bismarck 1976 nicht wieder für das Amt des Intendanten. In den 1960er Jahren löste das Fernsehen den Hörfunk als Leitmedium ab. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR), die größte Sendeanstalt der ARD, bekam ab 1963 öffentlich-rechtliche Konkurrenz durch das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF). Der WDR baute die eigenen Programmkapazitäten im Hörfunk sowie ab 1965 durch ein drittes Fernsehprogramm aus. Parallel wuchsen die Begehrlichkeiten der politischen Parteien, mehr Einfluss auf den Sender zu erlangen. Als Klaus von Bismarck 1961 zum Intendanten des WDR gewählt wurde, war er ein Kompromisskandidat nach zuvor starken parteipolitischen Auseinandersetzungen um die Neubesetzung dieses einflussreichen Amtes. Von Bismarcks fachliche Vorkenntnisse waren begrenzt, aber seine liberale Amtsausübung verbunden mit pointiertem Humor brachte ihm übergreifenden Respekt unter den Mitarbeitern. Einmal warf ihm ein Redakteur vor, er regiere den WDR wie ein hinterpommersches Dorf-Postamt. Daraufhin ließ von Bismarck ein Schild „Zum Dorf-Postamt“ anbringen, das zu seinem Büro wies. Als zeitweiliger ARD-Vorsitzender bezog von Bismarck im Wettbewerbsstreit mit den Printmedien energisch Position für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und im eigenen Sender förderte er eine zunehmende programmatische Vielfalt. Unter seiner Leitung avancierte der WDR zu einem Vorreiter für moderne Musik, spezielle Gastarbeitersendungen und vieles mehr. Steigende Gebühreneinnahmen ermöglichten die Experimentierfreude und den Ausbau des Senders. Durch einen qualifizierten Mitarbeiterstab, zu dem Gerd Ruge, Peter Scholl-Latour, Günter Rohrbach, Werner Höfer, Helmut Drück und viele andere namhafte Journalisten und Medienmanager gehörten, sowie durch persönliches Engagement des Intendanten vergrößerte der WDR damals auch die internationale Strahlkraft. Von Bismarck profitierte von diesem Prozess, denn seine eigene internationale Expertise wuchs mit. Zu den vorrangigen Zielen von Bismarcks gehörte es, die kritische mediale Auseinandersetzung mit der NS-Zeit sowie die Verständigung und Versöhnung mit Polen und anderen osteuropäischen Staaten zu fördern. Mit seiner Frau kehrte Klaus von Bismarck auf Einladung von Radio Warschau 1964 zum ersten Mal nach Kriegsende wieder in die pommersche Heimat zurück. Der Besuch des ehemaligen KZ Auschwitz machten ihm nach eigenem Bekunden erst die Ausmaße der früheren deutschen Gräueltaten auch gegenüber dem östlichen Nachbarn erkennbar. In von Bismarcks Amtszeit wurden erstmals Studios der ARD in Warschau und Moskau eingerichtet. WDR-Mitarbeiter wie Fritz Pleitgen leisteten dort später journalistische Pionierarbeit. Im Umgang mit Mitarbeitern zeigte von Bismarck große Neugier für die jeweiligen Arbeitsbereiche und thematischen Tätigkeiten. Legendär wurden seine spontanen Stopps am Ü-Wagen, um Live-Sendungen zu verfolgen, ebenso wie seine aktive Teilnahme an der frühmorgendlichen Hörfunkkonferenz. Trotz seiner Aufgeschlossenheit für das Medium Fernsehen blieb von Bismarck im Herzen stets ein Radiomann. Seine Stärke war eine pointierte, bildhafte Sprache, die er im Hörfunk besser zur Geltung bringen konnte. Der Intendant blieb zudem ein Allrounder, nicht nur im Rundfunk, was seine Führungsfähigkeiten zwar versierte, aber ihn in keinem seiner Berufe zu einem ausgeprägten Experten werden ließ. Nach eigener Aussage fand er es unerlässlich, über den eigenen fachlichen Tellerrand zu blicken. Der befreundete WDR-Kulturchef im Hörfunk, Walter Dirks, nannte ihn später treffend einen „seriösen Dilettanten“. Rundfunkpolitik, die eine möglichst saubere Trennung zwischen Nachricht, Information und Kommentar anstrebte, sowie eine Berichterstattung, die gegensätzliche Meinungen zu Wort kommen ließ, gehörten zu den Maximen des Intendanten Klaus von Bismarck. Intern erntete er vor allem dann Kritik, wenn er, was selten vorkam, selbst diese Leitlinien missachtete. Später räumte er ein, die Absetzung einer Fernsehsendung über Heinrich Lübke, in der dem damaligen Bundespräsidenten sachlich korrekt die Beteiligung am Bau von Konzentrationslagern nachgewiesen wurde, sei ein Fehler gewesen. In...

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Im offenen Dialog mit Partnern aus aller Welt

  München 1977-1989: Als Klaus von Bismarck sein Amt als Präsident des Goethe-Instituts antrat, waren wegweisende Entscheidungen bereits gefallen. Auf der Basis eines erweiterten Kulturbegriffs war die einst auf Sprachunterricht konzentrierte Organisation längst auf eine partnerschaftliche Arbeit mit weltweiter Präsenz ausgerichtet. Dritte Säule der Außenpolitik sollte sie sein und eine eigenständige Rolle im interkulturellen Dialog einnehmen. Seit 1976 regelt ein Rahmenvertrag mit dem Auswärtigen Amt das Verhältnis des Kulturinstituts zu den staatlichen Instanzen. In seiner zwölfjährigen Präsidentschaft erwarb sich von Bismarck besondere Verdienste um die Unabhängigkeit des vom Bund finanzierten Goethe-Instituts und um den kulturpolitischen Austausch mit Osteuropa. Für den musisch und kulturell sehr interessierten Klaus von Bismarck war das Goethe-Institut zu Beginn seiner Amtszeit ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Ihm kam zugute, dass mit dem Juristen Horst Harnischfeger von Beginn an ein versierter Bildungspolitiker an seiner Seite stand, der das wachsende kulturelle Großunternehmen – 1981 betreute die 1951 als „Familienunternehmen“ in München gestartete Zentrale rund 3.500 Mitarbeiter in 132 Auslands- und 17 Inlandsinstituten – organisatorisch leitete. So hatte von Bismarck den Rücken frei, um intensiven Kontakt zu den Mitarbeitern vor Ort zu pflegen und für ihre Sorgen und Anregungen ein offenes Ohr zu haben. Bis zum Ende seiner Amtszeit besuchte er 88 Institute auf allen Kontinenten. Eine erste wesentliche Erkenntnis von Bismarcks war, die Ortskräfte in den Instituten zu stärken, da er ihnen eine zentrale Brückenfunktion zuschrieb. Er stiftete einen nach ihm benannten Preis für verdiente Ortskräfte, der 1991 erstmals vergeben wurde. Der Auftrag des Goethe-Instituts, Deutschland mit all seinen zentralen Facetten und Widersprüchen zu präsentieren, entsprach sehr dem eigenen kulturpolitischen Verständnis Klaus von Bismarcks. Während seiner Präsidentschaft musste er das Institut wiederholt vor Angriffen aus den politischen Parteien verteidigen. Besonders mit Unionspolitikern, die das Goethe-Institut lieber ihren jeweiligen außenpolitischen Prämissen unterordnen bzw. es wieder stärker auf Sprachvermittlung reduzieren wollten, kam es in den 1980er Jahren zu heftigen Kontoversen. Während von Bismarck mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz-Joseph Strauß einen Modus Vivendi fand, gelang mit Bundeskanzler Helmut Kohl keine vergleichbare Verständigung. Von Bismarck fand dafür ein aussagekräftiges Bild: Als Kohl ihm im Januar 1985 Vorhaltungen über inakzeptable Verhaltensweisen des Goethe-Instituts im chinesischen Wuhan machte, habe er dem Bundeskanzler vergebens zu vermitteln versucht, dass es dort gar kein Goethe-Institut gebe. – Wenn sich aber solche Kontroversen zuspitzten, traten von Bismarck seine Vizepräsidenten Theodor Eschenburg und Peter Wapnewski sowie weitere einflussreiche Weggefährten zur Seite. Wie schon beim Rundfunk widmete Klaus von Bismarck Osteuropa besondere Aufmerksamkeit. Mit langjähriger Erfahrung und guten einschlägigen Kontakten ausgestattet, trug er wesentlich zum Aufbau einer kontinuierlichen und flächendeckenden deutschen Kulturarbeit in dieser Region bei. 1979 durfte von Bismarck in Bukarest das erste Goethe-Institut in einem Warschauer-Pakt-Staat eröffnen. Am Ende seiner Amtszeit kamen weitere Institute in Budapest und Sofia hinzu, denen bald nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ 1989/90 zahlreiche weitere neue Standorte in Osteuropa folgen sollten. Nach dem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt engagierte sich von Bismarck zunächst weiter für das Goethe-Institut. Er besuchte Auslandsinstitute und war in der Mitgliederversammlung aktiv. Als er den Eindruck gewann, dass seine Vorschläge im Goethe-Institut immer weniger Gehör fanden, trat er im August 1995 aus der Mitgliederversammlung aus. Wenige Monate später zog der inzwischen 83-jährige Klaus von Bismarck mit seiner Frau nach Hamburg. Zu mehreren Mitarbeitern, Freunden und Förderern des Goethe-Instituts im In-und Ausland hielt er bis zu seinem Tod 1997 Kontakt. Weiterführende Dokumente: Geschichte des Goethe-Instituts Klaus-von-Bismarck-Preis, 1990 Präsident Klaus von Bismarck in seinem Büro im...

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